Drucken

Mai bis Mitte Juni 2011 5 Years, 7 Months ago

Ihr Lieben zu Hause,

lang habe ich mich nicht gemeldet, entschuldigt bitte.
Ich habe immer versucht meine bisherigen Monatsberichte offen und ehrlich zu schreiben, ich halte nichts davon, Euch etwas vorzumachen, was nicht ist. Dies möchte ich auch weiterhin beibehalten, auch wenn es nicht einfach ist.
Wie ich ja bereits im letzten Bericht angedeutet habe, gibt es Anschuldigungen aus Deutschland, die für uns nicht einfach zu handhaben sind. Um dies zu klären sind wir Ende Mai nach Deutschland gereist, um mit den Zuständigen darüber zu sprechen. Uns wird vorgeworfen, das Projekt durch unsere „Pingeligkeit“ zu verzögern und bisher noch immer nicht mit der medizinischen Arbeit begonnen zu haben. Dem aufmerksamen Leser der letzten ca. 20 Monatsberichte wird nicht entgangen sein, dass wir alles Erdenkliche tun, um das Projekt zum Laufen zu bringen und das heißt für mich auch das Haus in einen Zustand zu versetzen, dass man damit und vor allem darin arbeiten kann. Ich will mich jetzt auch nicht in elend langen Erklärungen verlieren. Wer Fragen oder Anmerkungen dazu hat, kann sich gern mit mir in Verbindung setzen (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Ich freue mich über jede Anfrage.
Jedenfalls konnten die Anschuldigungen nicht aus der Welt geräumt werden, was für mich eine echte Motivationsbremse ist und dadurch die Sinnfrage ganz groß rauskommt. Nichts desto trotz bin ich wahnsinnig stolz und glücklich über den Zustand der Geburtshilfestation und ich freue mich auf den Tag an dem wir endgültig eröffnen können. Dieser Tag könnte auch sehr bald kommen, wenn da nicht, ja, wenn da nicht unsere berühmten drei Probleme wären…
Eigentlich bin es auch wie a bissel leid, Euch ständig mit all den Problemen hier zu zu texten, aber siehe oben, offen und ehrlich soll es doch sein, sonst kommt Ihr auch noch auf die Idee zu denken, wir säßen hier nur in der Sonne und warten darauf, dass die fertige Geburtshilfestation vom Himmel fällt.

Also Problem 1: Aufenthaltsgenehmigung (Visa) und Arbeitserlaubnis
Ja, ja, wie schnell doch so ein Jahr vergeht, wenn man sich amüsiert…
Auch wenn unsere Visa erst im Januar verlängert wurden, laufen sie doch schon wieder am 23.6.2011 ab, da sie eben rückwirkend und nur für ein Jahr verlängert wurden. Im April haben wir wieder alle Papiere durch unseren Anwalt eingereicht. Nun hat Ende Mai die Regierung in Tamil Nadu gewechselt und einige neue Formulare müssen noch nachgereicht werden. Unser Anwalt ist weitestgehend tiefenentspannt. Dennoch laufen die Visa eben sehr bald aus und bisher haben wir noch nichts Neues gehört.
Zum Punkt der Arbeitserlaubnis kann ich eigentlich nicht viel sagen, da mir sämtliche Erklärungen abhanden gekommen sind. Wir sprechen ja nun schon seit gut 1 ½ Jahren über dieses Papier. Selbst zu Zeiten als Teresa noch da war, wurde mit Samy eifrig darüber diskutiert, da wir ohne, ganz klar, nicht arbeiten dürfen. Teresa und ich hatten sogar bereits alle Zeugnisse eingereicht. Und, ich trau es mich bald gar nicht zu sagen, von Samy wurde immer gesagt: No problem, wenn das Haus fertig ist bekommen wir ganz automatisch die Arbeitserlaubnis ausgestellt. Nun war, leider während unseres Deutschlandaufenthaltes, der Amtsarzt in der Geburtshilfestation, um diese „abzunehmen“. Dazu später mehr, nur erst mal so viel, er beanstandete, das wir nicht da sind und auch keine Arbeitsgenehmigung haben, ohne die wir nicht arbeiten dürfen – sag bloß –, diese müsse in Delhi beantragt werden. Außerdem müssen Wolfgang und ich wohl ein Examen schreiben und einen Sprachtest in Tamil ablegen.
Ok.
Wie gesagt, dazu fällt mir auch nichts mehr ein, selbst nix Ironisches.

Problem 2: die Stromversorgung
Wie im Aprilbericht geschrieben, hatten wir Jakob zu Besuch, ein Elektriker aus der Schweiz, der bei einem Zwischenstopp aus Bangladesch, unserer Stromprobleme begutachten wollte. Dies hat er auch mit Hingabe und unglaublicher Geduld getan. Sein nachfolgender Bericht ist kurz gefasst ein Arbeitsverbot für die Geburtshilfestation, da die Stromverlegung und –versorgung so miserabel ist, das ein medizinisches Arbeiten im Haus höchst verantwortungslos und fahrlässig wäre. Solche Zustände hätte er noch nicht einmal in Bangladesch gesehen und da sei eigentlich alles immer noch eine Spur heftiger. In einer gut 9 seitigen Ausführung hat er viele Vorschläge für Verbesserungen angefügt.
Nach dem wir diesen Schock verdaut hatten, haben wir unseren Aufenthalt in Deutschland auch dazu benutzt mit allen Beteiligten nach Lösungen zu suchen. Die Frage, wie es bei einem Neubau überhauptdazu kommen konnte hilft ja nun auch wirklich niemandem mehr.
Im letzten Meeting vor der Heimreise wurde uns von indischer Seite gesagt, dass ausgebildete Elektriker in Indien nicht verfügbar wären, sondern eben nur Elektriker die ihr Handwerk durch Erfahrung gelernt haben. Dagegen spricht ja generell nichts, nur scheint hier wirklich einiges schief gelaufen zu sein, was nun eben die Anwesenheit von ausgebildeten Fachmännern unumgänglich macht, die aber wiederum nur in Chennai sind und wahrscheinlich nächstes Jahr Zeit hätten, sich unserer Probleme zu widmen.
Somit gibt es für uns eigentlich nur eine Lösung: in Deutschland einen Elektriker finden, der uns helfen würden. An dieser Stelle nun endlich auch mal ein GROßES DANKESCHÖN an Heidrun und Helmut Wießner, die zu Hause der Dreh- und Angelpunkt des Vereins PIRAPPU sind. Ihr beiden seid einfach Spitze! Durch ihre Hilfe und die Hilfe von Renate Fichter – zu ihr später mehr – konnten zwei „Stromer“ gefunden werden, die sich bereiterklärt haben, nach Indien zu reisen. Sie stehen bereits in regem Kontakt zu Jakob und bereiten ihren Aufenthalt und die Arbeit hier vor. Der Einsatz der Beiden berührt mich sehr und schiebt wieder etwas Motivation nach…

Problem 3: Zulassung der Geburtshilfestation
Wie bereits erwähnt, war während unseres Heimataufenthaltes, der Amtsarzt in der Geburtshilfestation, um das Haus abzunehmen. Warum das gerade in der Zeit passierte, als wir nicht da waren, weiß ich nicht. Jedenfalls, um es kurz zu machen, hat das Haus die Zulassung nicht bekommen. Es wurde danach vom Amtsarzt ein Bericht erstellt, der auch ziemlich klar stellte, dass wir diese Zulassung eigentlich auch nicht bekommen können, da neben 2 gynäkologischen Fachärzten auch 2 Kinderärzte und Anästhesisten anwesend sein müssen. Außerdem brauchen wir einen Apotheker, der die Apotheke (ehemals Lagerraum) betreut, einen Laboranten der die bereits vorhanden Laborgeräte bedient und einen Techniker, der die medizinischen Geräte wartet. Leider haben wir nicht im Lotto gewonnen und können uns auch noch keine Leute klonen.
Nach unserer Rückkehr haben wir die volle Geschichte gehört, die nach einem gewissen Entsetzen eigentlich nur noch in einem fassungslosen Lächeln endete. Sicher kein schöner Anblick.
Jedenfalls sei unserer Ärztin Annie vom Amtsarzt empfohlen worden, Mann und Kind zu nehmen und sich ihrer Karriere zu widmen, sie wolle doch wohl nicht hier auf dem Dorf versauern. Außerdem habe er auch gefragt, wann wir denn vor hätten „dieses Drama“ zu spielen.
Drama?
Ist aktuell noch nicht genug Drama in Indien?
Nein, da dem Amtsarzt sehr wohl klar sei, dass dies alles nicht zu regeln und auch absolut nicht machbar ist, wird wohl, wie angeblich von nahezu allen Krankenhäusern hier in Tamil Nadu, eine Art 1 Tag-Theater-Show aufgeführt. An diesem Tag ist der Amtsarzt anwesend, neben dem kompletten, oben erwähnten, Personal. Die werden für einen Tag gut bezahlt, bekommen ein feines Mittagessen und erzählen dem Kontrolleur, dass sie hier arbeiten, alles wunderbar ist und überhaupt. Zusätzlich wird alles an Patienten einbestellt, was noch laufen kann und die Patientenakten eingesehen. Ziel: Es soll an einem Tag gezeigt werden, dass dieses Haus arbeitsfähig ist und bisher auch alles super gelaufen und keine Probleme aufgetreten seien. Denn, und das ist das Kuriose an der ganzen Sache, arbeiten sollte das Haus bereits vor seiner Abnahme. Wie soll denn sonst der Amtsarzt beurteilen können, ob es funktionsfähig ist?!? Wenn jedoch irgendetwas in dieser Schwebephase bis zur Zulassung passieren sollte, machen wir uns natürlich strafbar!
???
So sieht die Situation zumindest derzeit hier aus, wenn andere Informationen dazu kommen sollten, werde ich Euch auf dem Laufenden halten.
Aber insgesamt ist das alles mehr als gruselig und wir stehen beide ziemlich ratlos da.

Nun zum Abschluss aber noch was Schönes. Wir hatten vor unserer Heimreise Besuch von Renate Fichter, offiziell die Kassenprüferin von PIRAPPU und unter uns gesagt, eine tolle Frau. Da sie von Deutschland aus die ganzen Verzögerungen und Probleme nicht so richtig nachvollziehen konnte, hat sie sich kurzerhand auf den Weg gemacht, sich selbst vor Ort ein Bild von allem zu machen. Nach einer großen Lobeshymne für das Haus wurde ihr allerdings doch recht schnell klar, dass die Uhren in Indien einfach anders ticken und viele Probleme, die hier so auftreten, in Deutschland einfach nicht bekannt sind.
Sie hat hautnah unsere doch sehr großen Stimmungsschwankungen miterlebt – von morgens: alles ist super/ wir schaffen das, bis abends: nichts geht mehr. Sie hat versucht uns immer wieder aufzubauen und vor allem, sie glaubt an uns und das Projekt, versteht und kann zuhören. Dafür möchte ich nochmal DANKE sagen.

Manchmal, in all dem Durcheinander von Vorwürfen, Angriffen, Arbeit und Zeitdruck ist es eine Wohltat, wenn jemand sich die Mühe macht und versucht zu verstehen, nachfragt und zuhört.
Gut zu wissen, dass es solche Menschen doch noch gibt.

Alles Liebe und Gute für Euch.
Bis bald

Eure Hanka