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Der Juli 2011 5 Years, 5 Months ago

Hallo Ihr Lieben,

Seit dem 19. Juli sind wir genau 2 Jahre in Indien. Im Rückblick ist die Zeit unglaublich schnell vergangen. Es war eine sehr aufwühlende Zeit, meistens hatte ich das Gefühl von einer Katastrophe zur Nächsten zu rutschen, aber in Summe muss ich sagen, haben wir doch alles irgendwie gemeistert. Und darauf bin ich auch ein wenig stolz. Denn da waren die unverständlichen Verzögerungen am Hausbau, die Tatsache, dass wir seit Anfang 2010 die meiste Zeit allein auf der Baustelle gearbeitet haben, damit es wenigstens etwas weiter geht – zur Erinnerung: vor 1 Jahr, also Juli 2010, war es noch nicht möglich in der Geburtshilfestation zu Übernachten, da es noch nicht einmal eine funktionierende Toilette gab. Wir sind also täglich von unserer Wohnung in Pondicherry nach Anaiyeri gefahren; täglich 70 km hin und wieder zurück, bei dem Verkehr. Dann waren da die Riesensorgen um den Container, Visaverlängerungstragödie erste Teil, die mittlerweile zum zweiten Teil erweitert wurde und, und, und.
Wenn auch mit vielen Bedenken, Zweifeln und schlaflosen Nächten verbunden, ging es am Ende doch immer, wenn eben auch mit großer Verzögerung. Als dann Ende Juni 2011 die ersten Kinder im MHC geboren wurden, hatte ich endlich – nach so langer Zeit – das Gefühl, ich bin hier richtig. Angekommen. Die ganze Mühe im Vorfeld schien sich gelohnt zu haben und nun können wir so richtig durchstarten. Medizinisch lief auch alles bestens, das hat sich natürlich herumgesprochen und viele Frauen kamen in Folge zu Vorsorgen oder auch um einfach mal zu gucken. Alles schien sich nun doch zu finden und ich dachte: siehste mal Hanka, manchmal lohnt es sich wirklich zu warten.
Da Probleme wohl aber die Eigenschaft haben nie vollständig zu verschwinden, um nicht zu sagen auch zu einer gewissen Vermehrungsquote neigen, begannen Mitte dieses Monats Probleme, mit denen ich nie gerechnet hätte und deren Auswirkungen verheerende Ausmaße angenommen haben. Begonnen hat alles damit, dass wir unsere dritte wehende Frau verlegen mussten, Wolfgang hat dies bereits ausführlicher unter „Aktuelle Infos“ beschrieben. Als wir nachts um 4 Uhr mit unserer Frau in dem ein Jahr alten staatlichen Krankenhaus ankamen und die Zustände in dieser Klinik sahen, war ich mehr denn je davon überzeugt, dass die Arbeit, die im MHC bereits begonnen wurde, extrem wichtig ist.
Ihr könnt es Euch nicht vorstellen!
Die fünf! diensthabenden Krankenschwestern wurden durch unser Kommen geweckt und waren nicht sehr erfreut. Dick und rund, in ihre Schwesternuniform gepresst und einem, wenn auch etwas verrutschten, Häubchen auf dem Kopf glichen sie eher einer aufgeblasenen Karikatur ihres Berufsstandes. Unsere Frau wurde auf eine blutige Unterlage gelegt, keine Ahnung wie viele Frauen vor ihr da schon liegen mussten, und wir wurden gebeten draußen zu warten. Dort hing eine Tafel mit den Geburten- und Sterberaten der letzten Monate. Ich hab es nicht mehr genau im Kopf aber von etwa 230 Geburten im Monat März gab es 17 Totgeburten (Kinder, die am Termin Tod geboren werden). Und das in einer Klinik mit allen Möglichkeiten (OP, Narkosearzt, Kinderarzt, Medikamenten etc.). Ein Blick in das gegenüberliegende Zimmer gab eine kleine Erklärung für diese Zahlen. Da lagen in einem etwa 15m2 großem Raum 6 Frauen, auf den bereits bekannten Metallbrettern, nackt, ohne Trennwand, sich hin-und her drehend, stöhnend, weinend, einigen liefen Blut oder andere Flüssigkeiten zwischen den Beinen heraus. Alles voller Mücken und sonstigem Getier, alles dreckig und keine Betreuung. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde! Zurück bleibt die Frage, wie können Menschen – in dem Fall Frauen – anderen Frauen eine solche menschenunwürdige Behandlung zukommen lassen? Ich war so schockiert und aufgeregt, dass ich selbst auf der Rückfahrt noch am Zittern war. Ist es wirklich so schwer zu putzen oder einer Frau mal gut zuzusprechen?
Aber das nur nebenbei, denn was ich eigentlich erzählen wollte, war die doch sehr eindringliche Nachfrage der diensthabenden Frauenärztin, wer denn die Papiere, die wir über unsere Frau hatten, geschrieben habe. Es wurde von Dr. Annie zunächst versucht der Antwort auszuweichen, aber dann doch gesagt, dass ich das war. Der prüfende Blick der Ärztin auf die Papiere, dann auf mich und wieder auf die Papiere hinließ ein sehr ungutes Gefühl. Im Auto kam mir dann der Gedanke, dass ich, da ohne Arbeitsgenehmigung, eigentlich froh sein kann, dass die Gute nur komisch geguckt hat.
Ja, die Arbeitsgenehmigung ist ein weites Feld und offensichtlich das größte Staatsgeheimnis überhaupt, denn auch in Deutschland ist es wohl unmöglich herauszubekommen, wie man an so einen Zettel hier in Indien kommt. Aber auch vor Ort ist das nicht so einfach.
So waren wir diesbezüglich in Chennai und haben beim Nursing and Midwife Counsel vorgesprochen. Großes Erstaunen gab es, da ich eben „nur“ ein Hebammendiplom habe und keines über Krankenpflege vorlegen konnte. Erklärungen meinerseits wurden zwar interessiert angehört, am Ende konnte man mir jedoch nicht weiterhelfen und ich wurde an die Zentrale in Delhi verwiesen. Nach 9! Tagen vergeblichem E-Mail Schreibens und endlosen Telefonwarteschlangen konnte ich endlich in Delhi jemanden erreichen. Nur leider war ich da anscheinend auch falsch, ich solle mich doch bitte an die All India Assoziation wenden. Die Zentrale in Delhi ist nur für die Vergabe von Ausbildungsplätzen zuständig. Adresse oder irgendeine Kontaktmöglichkeit konnte man mir nicht geben, das könne ich doch im Internet nachsehen. Kann ich, wenn denn dazu irgendetwas zu finden wäre, was mir bei meinem Problem irgendwie weiterhilft. In meiner Verzweiflung bat ich Samy um Hilfe. Er, als mein indischer Arbeitgeber, ist immerhin der eigentlich Verantwortliche für die Besorgung der Erlaubnis. Er versprach, sich mit einem Bekannten in Verbindung zu setzen und mir die Telefonnummer dieser Assoziation zu organisieren. Darauf warte ich immer noch.
Da alle unsere Wege bisher im Sand verliefen, kam uns die Idee, einen Bekannten in Pondicherry um Rat zu bitten, bei dessen Frau ich Anfang 2010 ein Praktikum in deren privater Frauenklinik machen durfte. Dieser Bekannte, selbst Arzt und mittlerweile Chief Medical Officer der Regierung von Pondicherry, war immer sehr hilfsbereit und freundlich und so auch diesmal. Er nahm sich direkt Zeit, sich unsere Sorgen anzuhören. Da er sehr gut bekannt ist mit dem Amtsarzt in Viluppuram, rief er diesen auch sogleich an, um sich über die Rechtslage bezüglich Arbeitsgenehmigung in Tamil Nadu zu informieren. Und dann kam es, die Rechtslage, so der Amtsarzt, schreibt vor, dass wir zunächst ein 1-jähriges Praktikum an einem stattlichen Krankenhaus machen müssen, ein sogenanntes Anerkennungsjahr, danach sind Examina in Medizin und der Landessprache zu schreiben und erst dann würden wir die Genehmigung bekommen.
Schock!
Unser Arbeitsvertrag läuft in genau einem Jahr aus, bis dahin sollte eigentlich alles soweit laufen, dass unsere indischen Kollegen die Geburtshilfestation allein weiter führen können.
Auf unsere dann schon sehr verzweifelt vorgebrachte Nachfrage, ob es denn wirklich keine andere Möglichkeit gäbe in Tamil Nadu zu arbeiten, wurde unser Bekannte auf einmal sehr ernst und machte uns mit Nachdruck klar, dass es anders nicht geht, denn wie soll man sonst unsere Qualifikation prüfen. Es gäbe nur eine Möglichkeit, wir müssen unseren Arbeitsvertrag verlängern. Und das ist unmöglich. Wenn wir trotzdem, also ohne Genehmigung, arbeiten würden wären wir in der gleichen Liga wie Quacksalber und das würde mit Gefängnis und Geldstrafe bestraft - weiß ich, hab ich schon oft genug in der Zeitung gelesen.
Auf dem Weg aus seinem Büro stieg mir schon das Wasser in die Augen. Ich verstand definitiv nichts mehr!
Diese Information gab ich direkt an meine Entsendeorganisation die AGEH und an Samy weiter. Die Antwort aus Deutschland ließ nicht lange auf sich warten: Arbeitsverbot, bis die Situation geklärt ist.
Seitdem, das war am 15.Juli, sitze ich nun in Pondicherry, da es für mich zu schmerzhaft ist in der Geburtshilfestation zu sein und Dr. Annie und Schwester Mary-Agnes beim Arbeiten zuzuschauen. Außerdem möchte ich nicht in die Verlegenheit kommen medizinisch zu arbeiten, da ich es eben einfach nicht darf.
Stillstand. Von 100 auf 0 in 1 Sekunde, das tut weh.
Die Tage hier in Pondi sind lang, viel Zeit zum Denken und Grübeln. Der Klassiker ist dabei: Warum war es Samy nicht möglich, die Papiere, die Teresa und ich ihm im Dezember 2009! gegeben hatten – alle Zeugnisse, formloser Antrag -, an den Amtsarzt in Viluppuram weiterzuleiten?
Gefolgt von: Wieso hat er auf meine Nachfragen bloß geantwortet, dass es ausreicht, wenn wir die Papiere abgeben, wenn die Geburtshilfestation angemeldet wird? Die Ausstellung einer Arbeitsgenehmigung würde dann ganz automatisch gehen. Hat er sich das ausgedacht? Der Amtsarzt ist damals wie heute der gleiche.

Ich bin verzweifelt, müde und wie gelähmt.

Mittlerweile kam Samy auf die Idee einen Anwalt in Chennai einzuschalten, der sich der ganzen Sache annehmen soll. Von diesem kam am 28.7. eine E-Mail, dass durch die Zahlung von 25.000 Rupien (etwa 400 Euro) die Arbeitsgenehmigung durch den Direktor des Nursing/Midwife Councel in Chennai ausgestellt werden kann. Was heißt das, er kann, muss aber nicht? Wie ist denn nun die Gesetzlage? Anerkennungsjahr oder nicht? Was wird denn der Amtsarzt sagen, wenn wir ihm die Arbeitsgenehmigung vorlegen und er doch genau weiß, dass wir kein Anerkennungsjahr gemacht habe und keine Examina geschrieben haben? Will er dann vielleicht 50.000 Rupien, um den Mund zu halten?
Ist das alles ein schlechter Scherz oder will der Anwalt sich nur bereichern?
Oder geht hier alles nur ums Geld? Keine Moral?
Psychoterror ist ein Scheiß dagegen!
Heißt das, ich kann wieder hoffen?! Wird nun doch alles gut, oder was?

Ich weiß nicht, ob ihr Euch das vorstellen könnt, aber aus dem Loch, in das ich vor nunmehr 2 Wochen hineingeworfen wurde, komme ich einfach so schnell nicht wieder raus. Die Mail des Anwalts war für mich kein Grund zu Freude, stattdessen noch mehr Fragezeichen und Unverständnis.
Und keine Reaktionen von den Verantwortlichen aus Deutschland. Ich fühle mich hilflos.

Ich hänge also weiter in der Luft, immer zwischen „es ist alles aus“ und „vielleicht hilft der Anwalt doch“. Das lähmt mich und jeder Tag, an dem keine Neuigkeiten kommen, verstärkt den Frust, die Wut und die Traurigkeit.

Auch bezüglich der Visaverlängerung werden wir von unserem Anwalt wie gewohnt hingehalten; auch von der Seite also keine Neuigkeiten. Jede Woche rufen wir an und fragen nach und bekommen zur Antwort, dass nächste Woche alles geklärt sei. Ja ja.

Kurz vor der großen Tragödie kamen unsere beiden „Stromer“ aus Deutschland und kämpfen sich seitdem tapfer durch die unendlichen Fehler der Stromverlegung im MHC. Sie machen das mit solcher Hingabe, dass ich die Gedanken „wofür denn noch“ schnell verdränge. Wolfgang hilft ihnen so gut er kann und ist ständig unterwegs zwischen Pondicherry und Anaiyeri, um Fehlendes zu besorgen.

Außerdem haben wir seit der letzten Juliwoche Cara zu Besuch, eine Krankenpflegeschülerin aus Heidelberg, die gerne ein Praktikum bei uns machen wollte. Leider geht das nun nicht, da Arbeitsverbot. Zum Glück konnten wir sie aber im deutsch-indischen-missionsärztlichen Klinikum in Chetpet „unterbringen“, wo sie sicher ein breiteres Spektrum an Krankheiten und Patienten sehen kann. Dennoch tut es mir leid.

So ihr lieben, ich werde Euch – wie immer – über jede Veränderung auf dem Laufenden halten.

Bis bald

Eure Hanka