Berichte 2011

Juli, August, September 2011

Geschrieben von: Super User

Erstellt: 28. August 2011

Im Aufbau. Danke für Ihr Verständnis 

Nachdem ich in diesem IT-Superpower-Land das vierte Mal aus dem Internet geflogen bin, jetzt letzter Versuch, Aktuelles zu plazieren. Das dauert in der Regel eine bis zwei Stunden und kostet Nerven.

Mit dem 16. September  wurde der Benzinpreis in Indien um etwas mehr als 3 Rs angehoben. Das Centre for Science and Environment (CSE) verurteilt dies, da der Preis für Diesel unverändert bleibt (wegen Bus, LKW-Transport und Eisenbahn) und diese Erhöhung nurmehr den Graben zwischen den Armen (überwiegend Kleinwagen- und Motorradbesitzern) und den Reichen  Autobesitzern vertiefen und ebenso ein nicht unerheblicher Verlust für die öffentliche Gesundheit darstellen würde, da zwischenzeitlich der Dieselanteil neuzugelassener PKW  36% betrüge und es an der Zeit sei, eine Steuer für SUV und andere großvolumige Luxusautos einzuführen, um diese Ungerechtigkeit zu beheben. In Madras begegnen einem tatsächlich immer mehr Toyota-Van 2,5 l, Audi (Vorsprung durch Technik), Volkswagen (das Auto), BMW, Mercedes-Benz (The best or nothing) und – Porsche.  Ja!  Richtig dicke Autos für richtig viel Geld. Allein in dieser Stadt werden täglich eintausend Neufahrzeuge zugelassen. Der Benzinpreis liegt also jetzt in Madras bei 70, 82 Rs. Josef Malats Umrechnungskurs zugrunde legend entspräche das in Deutschland etwa 3, 50 €/l.
Zum Glück haben die Tamilen richtig gewählt und die Chefin (CM) des Landes Jayalithaa hat wie versprochen damit begonnen, Segnungen über die Armen zu schütten, indem sie für 12 000 arme Familien Jersey Milchkühe und 4 Ziegen/Schafe für 100 000 arme Landfamilien, Küchengeräte, Tischventilatoren und Herde für Hausfrauen (250 000), Laptops für staatliche und staatlich unterstützte Schulen und 4 g Gold für zu verheiratende Töchter verteilt und verteilen läßt. Die Milchkuh-Empfänger werden eigens hierfür nach Gujarat gebracht, damit sie sich die rechte Kuh aussuchen können. Das Programm umfaßt  Ausgaben in Höhe von  zusammengerechnet 2353 Millionen Rs „this year“.
Für die überwiegende Anzahl der PHC soll High Tech eingeführt werden. Unter anderem Telemedizin. Hierfür werden zusätzlich 15 000 Ärzte gebraucht. Da die Medizinstudenten vom Land nicht die gute(n)  Ausbildung – Möglichkeiten der (ein)gebildeten Stadt- Bevölkerung hätten, will die CM dafür sorgen, daß die Medizinstudenten vom Tamil-Land nicht an dem zentralen Eintrittsexamen zur Weiterbildung teilnehmen müssen. Die Zentralverwaltung Indiens hat diese Form der Prüfung beschlossen, um den teilweise miserablen Standard der Indischen Ärzte zu heben und gleiche Bedingungen zu schaffen ohne Möglichkeiten der korruptiven Beeinflussung. Man darf gespannt sein…
Auch im August, nämlich zum ersten, wurde vom Umweltministerium Indiens eine rechtsverbindliche Abgabe für Plastiktüten eingeführt, um die Umweltverschmutzung und den Energie-Verbrauch einzuschränken. Die Abgabe beträgt  3, 5 und 7 Rs je nach Größe der Tüte und wird in den Einkaufszentren von Chennai durchgezogen, wobei man keine Möglichkeit hat, um diese Tüte herum zu kommen, da man nur mit versiegelter Tüte hinaus kommt. Insofern ein bißchen ärgerlich, wenn ich dann mit meiner Stofftüte vom Auroville-Bäcker erst hinein will, was schwierig ist – und hinaus geht halt nicht. Immerhin ein Anfang. In Pondicherry interessiert das niemand. Und auch sonst werden weiter diese verbotenen 40 Micron Beutel verwandt, ohne daß sich irgendwer daran stören würde. Will man diesen Beutel nicht, muß man die mitleidig fragenden Blicke eben ertragen. Das geht aber.

Liebe Freunde und Wegbegleiter!

Durch meinen Exkurs ins ´Forum´ bin ich ein wenig ins Straucheln geraten, was die Zeitabfolge und die Ereignisse anlangt. Ich bitte um Nachsicht. 
Um eine gewisse Ordnung wiederherzustellen erlaube ich mir, Juli, August und September in Tagebuchform niederzulegen, auch um Sie vor meinen Allgemeinbetrachtungen  zu bewahren. Die E-Visa-Geschichte fand ich allerdings bemerkens – und gleichzeitig zutiefst bedauernswert, wenn man bedenkt, daß die zusätzlichen Kosten für diese Verlängerung durch gute Verständigung des Anwalts mit dem zuständigen Beamten in Viluppuram je zweihundert Euro betrugen. 
Seit längerem wird durch Fasten-Aktionen maßgeblicher Persönlichkeiten wie Anna Hazare versucht, die überbordende Korruption in Indien in den Focus der Öffentlichkeit zu bringen.
Also jetzt, beginnend mit dem Eintreffen der „Elektriker ohne Grenzen“:

09-07  Josef und Jürgen, die „Stromer“ aus dem Chiemgau, treffen in Anaiyeri ein
10-07  Ausflug nach Panamalai Hills, einem Tempel mit atemberaubendem Weitblick
11-07  Treffen mit Elektrikern aus Chennai zur Klärung der Notwendigkeiten. Dr. A. Arokiasamy anwesend
12-07  Ein ganzer Tag Anrufe von Hanka im „Nursing Council“ in Delhi  bezüglich der notwendigen Arbeitsgenehmigung, die vom Amtsarzt gefordert wurde. Erfolglos
13-07  Vorsprache im Cluny-Hospital in Pondy zur Erlangung der Kenntnis des Weges, um eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Erfolglos.  Am Abend Gespräch mit Herrn Dr. Kalimuthu, der die Arbeitsrechtliche Situation klar macht und uns wegen möglicher polizeilicher Konsequenzen dringend davon abrät, unsere Arbeit wieder aufzunehmen. Sepp und Jürgen haben uns begleitet 
14-07  Französischer National-Feiertag in Pondicherry
15-07  Treffen mit A. Arokiasamy im PMD-Centre wegen der fehlenden Arbeitsgenehmigung. Es wird beklagt, daß man falsch geleitet worden sei. Zusammen mit Sepp und Jürgen, die sich die Zeit mit einer Besichtigung des Zentrum verkürzt haben, in Pondicherry Bestellung der Kabel und des Zubehörs für die notwendige Umgestaltung der elektrischen Anlage des Rural Maternity Health Centre
18-07  Planung der Aushub-Arbeiten für die Erdkabelverlegung
19-07  Frau Doktor M. Kalasree aus Gingee wird als zukünftig mitwirkende Frauenärztin  und Anästhesistin vorgestellt. Einmal pro Woche für zwei Stunden wird sie  dem MHC zur Verfügung stehen und auch sonst in Notfällen. Dr. A. Arokiasamy anwesend
22-07  Vorbereitung zum Umbau der Fenster auf nach außen öffnend. Weshalb das nicht sein soll, wurde im Vorfeld tagelang besprochen. Mit einigen MHC-Mitarbeiterinnen (den Putzfrauen) reinigen wir Deutsche die Grundstücke um die Mauer des MHC von dem von hier hinüber geworfenen Müll (von Plastikflaschen über Biomüll bis zu Pampers ist alles dabei). Auf dem MHC-Gelände gibt es ein Müll-Haus mit sechs Mülltonnen zum Zwecke der Abfall-Trennung
25-07  Cara Weltermann, eine Schwesternschülerin aus Heidelberg, trifft in Pondy ein. Sie will 4 Wochen in Tamil Nadu hospitieren 
28-07  Beginn der Grabungsarbeiten für die Erdkabel
29-07  Vorstellung Caras in St. Thomas-Hospital in Chetpet zur Frage der Übernahme, da für MHC keine Genehmigung vorliegt. Sr. Maria Rathinam und Sr. Nirmala freuen sich auf Caras Einsatz ab 01-08
05-08  Jürgen und Sepp fliegen nach wohlgetaner Arbeit nach Bayern zurück. Wie im Forum beschrieben anschließende E-Visa-Verlängerung in Chennai (2 Tage)
09-08  Vorsprache im Tamil Nadu Nursing Council erneut wegen Hankas Arbeitsgenehmigung. Dieses Warten auf die Chef-Nurse Frau Dr Josephine 
11-08  dauert eben drei Tage. Hanka erhält Papiere und den Hinweis, daß ihre Universität die Zeugnisse und Unterlagen direkt an das Indische Nursing Council in Delhi schicken muß. Ihre übersetzten Unterlagen werden nicht akzeptiert
22-08  Treffen mit A. Arokiasamy und Anbarasu im Büro von RA Giridhar in Chennai, der das Bekannte bestätigt und anfügt, daß die Papiere wegen häufiger Fälschungen direkt von der Uni an die Zentralbehörde geschickt werden müssen. 
23-08  Geburt im MHC. Begleitet wird die Drittgebärende bei der Geburt ihres dritten Mädchens von Frau Dr. Kalasree, Frau Dr. Annie und Schwester Marie-Agnes. Das Kind wiegt 2000 g und alles scheint gut. Einige Tage später verstirbt das Kind zu Hause
24-08  Joint-Director-Inspection des MHC. Es geht um die technische  Ausrüstung und die Einhaltung bestimmter Indischer Krankenhaus-Regelungen
03-09  Ganz Indien feiert das Fest für Ganeshan, Sohn Shivas. Überall werden kleine und große Ganeshs verkauft, die dann liebevoll irgendwo zu Wasser (heilig) gelassen werden. Über 180 Ganeshs werden in Pondicherry mit Ochsenkarren und Lastwagen zunächst durch die Stadt und dann an die Pier
05-09  gebracht, wovon sie ins Meer gestürzt werden
07-09  Der Container wird von Anaiyeri nach Chennai in ein Warehouse gebracht
12-09  Zoll-Inspektion des Container-Inhalt
15-09  Für die Container-Behandlung werden 50 000 Rs angezahlt. Hanka John reist nach Deutschland
18-09  Entbindung im MHC unter Leitung einer wohl erfahrenen Schwester, die auch im St. Thomas Hospital in Chetpet gearbeitet hat. Das Kind wog 3800 g, ein Knabe und allen geht es gut
25-09  Frau Rekha, eine Zweitgebärende, bringt einen Sohn zur Welt. Sie  war 14 Tage über Termin wie man wußte. Das Kind wog 3500 g und Mutter und Kind sind wohlauf. 

Auch an diesem Tag nehmen in Wertheim/Main, Deutschland 467 Menschen am Benefiz-Lauf  ´für eine bessere Welt´ des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium  teil. Von hier aus danke ich allen für diese wundervolle Idee und für die Unterstützung, die wir von Ihnen erfahren

Mit dem 30-09  liegt das Prüfungs-Ergebnis des Joint-Direktors nicht vor. Lt. Auskunft müsse eine Pharmazie  eingerichtet werden, die mit Klima-Anlage nunmehr auf der Terrasse des MHC gebaut werden soll. Der Apotheker wird nur einmalig für den Vertrag bezahlt, den Verkauf der Arzneimittel werden die Sprechstunden-Hilfen übernehmen. Der Container wird zur Zeit im Hafen festgehalten, da eine EORI Nummer fehlt. Herr Dr. A. Arokiasamy hat am 27-09 seine Bewerbung für das Präsidentenamt im Kakkanur-Bereich  eingereicht. Seine Frau steht nicht zur Wiederwahl. Der Ambulanz-Fahrer Britto, ein 21jähriger Mann, erhält 4000 Rs Monatslohn. Der Generator hat nach dem Einbau eines Gebraucht-Teils zur 12 V – Stabilisierung den Automatikbetrieb eingestellt. Der Bericht der Elektriker steht Interessierten auf Anfrage per Post zur Verfügung.
http://www.thehindu.com/todays-paper/tp-national/tp-tamilnadu/article2472432.ece
beschreibt, was in Indien mit Medizinern ohne gültige Papiere geschieht. Gültig meint, vom Staat Indien anerkannt. Zum Verständnis
Soviel heute. Ich danke Ihnen allen! Für Ihre Geduld und Nachsicht, für Ihr 
Interesse und Teilnahme, für Ihr Verständnis. Und für Ihre Unter – Stützung, die
wesentlich zum Gelingen dieser Aufgabe beigeträgt.

Ihnen alles Gute!  Mit herzlichen Grüßen!

Ihr Dr. W. Donné  


P.S.:    
Am Sonnabend, 24-09 sollte die O2-Flasche, die -nach meiner Kenntnis- unbenutzt, ihren Inhalt eingebüßt hatte, abgeholt werden. Nach Mehrfach-Telefon-Anrufen am Sonntag ist das tatsächlich auch um 17 Uhr geschehen. Mit heute (30-09) habe ich nichts mehr von der Flasche gehört oder gesehen. Bemerkenswert hierbei ist, daß dieser Druckbehälter von mir als neu gekauft und bezahlt wurde. Das Aussehen läßt eher Altersschwäche vermuten. Gekauft bei Avasarala-Technologies, die den Indischen Markt für Narkose-Geräte dominieren (wollen). So ist das hier!  Gutes Gelingen! Überall wird geputzt und gestrichen für Gandhis Geburtstag am 02-10. Das ist die andere Seite: Wie liebevoll und aufmerksam Linien nachgezogen und Girlanden angebracht werden. Aber das kennt man auch von anderswoher

Die dritte Geburt

Geschrieben von: Super User

Erstellt: 22. Juli 2011

Das dritte Kind ist also auch geboren. Am 12-07-2011 per Kaiserschnitt im New Medical College (NMC) in Mundiampakkam, Viluppuram. Nach einem Höllenritt von einer Stunde in dem vom BMZ gestifteten Ambulanzfahrzeug, welches den Namen nicht verdient. Aber immerhin: Das Kind, das ersehnte Mädchen (!) ist gesund, die Mutter, die nach dem zweiten Kind eine Sterilisation, die hier „Family-Planning“ heißt, wollte, ist wohlauf und der operative Eingriff ist gut verlaufen.

Nochmal Glück gehabt, wie ich meine. Schon wieder: Die Mutter, das Kind – und wir. Ohne Aufenthaltsgenehmigung und Arbeits-Erlaubnis, aber mit Vertrauen der werdenden Mutter in die Richtigkeit unserer Entscheidungen. 

Am Morgen des 11-07-2011 war Frau Kamramary bei uns zur Schwangerenversorge; leichte Wehen waren bereits auf dem Herzton- und Wehenschreiber zu sehen; da Frau K.  so gar nichts davon merkte, schickten wir sie wieder nach Hause. Besonderheiten gab es bei dieser dritten Schwangerschaft von Frau K. nicht.

Der 11-07-2011 war etwas anstrengend, da zum einen viele Patienten da waren, zum anderen aber wichtige Gespräche zwischen deutschen und indischen Elektrikern der Übersetzung bedurften.  

Gegen 23 Uhr kam der Anruf von Frau Kamramary, daß sie nun doch stärkere Wehen habe. Anbarasu, dritte Verdienst-Quelle zweiter  Krankenwagenfahrer, war schnell im Auto und auf dem Weg zu unserer Frau, die er eine  knappe halbe Stunde später sicher im MHC abgab. Wehen waren also da und auch die Fruchtblase sei gegen 18 Uhr gesprungen. Rasch wurde  alles vorbereitet, das dritte Kind kann ja mal schnell gehen. Muß es aber nicht. 

Denn trotz guter Vorzeichen wollte das Kind einfach nicht mitmachen. Wir haben alles versucht, von Rumlaufen über verschiedene Lagerungspositionen im Bett bis hin zu häufigen Toilettengängen und homöopathischen Kügelchen, eben alles was möglich ist. Als dann gegen 3 Uhr morgens trotz regelmäßiger und kräftiger Wehen alle 2-3 Minuten das kindliche Köpfchen immer noch nicht im Becken war, die Herztöne des Kindes langsam Auffälligkeiten zeigten und das Fruchtwasser grünlich wurde, entschieden wir, Frau K.  zu verlegen. 

Im Zuge der Verlegungsvorbereitungen stellte sich heraus, daß keine Ri/NaCL-Infusionslösungen mehr zur Verfügung standen, da alles für die Vitamingaben der Allgemeinärztlichen Tätigkeit verbraucht war. Es dauerte eine Ewigkeit, den Rollstuhl zu finden. Nicht lange brauchte ich, um festzustellen, daß es in diesem überwiegend als Personen – und Materialtransporter genutzten Ambulanz-Fahrzeug keine Möglichkeit gibt, eine Infusionsflasche aufzuhängen. Also Infusion in der Hand über den Kopf der Frau und dabei immer zwischendurch ein Milliliter eines wehenhemmenden Medikaments aus Deutschland, um dem Kind und der Mutter eine Verschnaufpause zu verschaffen. Da ein liegender Transport in diesem Wagen nicht möglich scheint,  übernahm Annie die Infusion, damit ich die Frau durch energisches Festhalten vor dem erneuten Aufschlagen ihres Hinterkopfes auf hervorstehende Eisenbügel bewahren konnte. Kurz vor Erreichen des NMC mußte der Wagen vor einer geschlossenen Schranke anhalten und der Beifahrer den Schrankenwärter wecken, damit wir die Fahrt fortsetzen konnten.

Das NMC ist ein Ensemble imposanter Gebäude und wurde vor einem Jahr der Bestimmung übergeben. Kurz nach Eröffnung besuchte ich den Leiter des Hauses, der das ganze als planungs- und ausführungstechnische Katastrophe abtat. Wie wahr. Alles vermüllt, stinkend und dreckig. Die Einrichtung in einem bedauernswerten Zustand, und das ein Jahr nach Inbetriebnahme. Siehe: http://www.thehindu.com/todays-paper/tp-national/tp-tamilnadu/article2155462.ece Die sechs diensttuenden Schwestern waren recht mürrisch ob der unerwarteten Störung ihrer Nachtruhe, während sich in einem neben liegenden Saal mehrere Gebärende nackt auf Edelstahl-Liegen wälzend allein mit ihrem Los, ein Kind zu bekommen, auseinandersetzten. 

Die diensthabende Ärztin war rasch zur Stelle, untersuchte die Patientin, stellte per Ultraschall-Farbdoppler eine Nabelschnur-Umschlingung fest und ließ alles zum Kaiserschnitt vorbereiten. „DIL – Danger in Life“  heißt das hier, wenn es dringend ist, und zwei Stunden später kam das Mädchen zur Welt. 

In Deutschland ist das die „EE-Zeit“, Entscheidung-Entbindung, sie beträgt 20 Minuten…

Wir alle hatten Glück – oder wie man es sonst bezeichnen mag. Auch, daß die diensttuende Kollegin ruhig und sachlich die notwendigen Schritte unternahm ohne Vorwürfe oder besserwisserische Gedanken zu äußern. Das ist durchaus nicht üblich. Jeder blicke zurück auf seine Tätigkeit.  Ich mag mich nicht ausschließen.  

Somit bin ich im fortgeschrittenen Alter und Berufsleben urplötzlich in der Situation, eine Frau unter der Geburt an eine leistungsfähigere Einrichtung abgeben zu müssen. Bislang war ich immer auf der „Empfänger-Seite“. Auch eine Erfahrung…

Danke Ihnen für Ihre Begleitung!

Ihr Dr. W. Donné

P.S.:  Am 22-07-2011 wollte ich Frau K. zu Hause besuchen. Sie muß noch stationär behandelt werden, da die Kaiserschnitt-Narbe infiziert sei. Schade.. 

Juni 2011

Geschrieben von: Super User

Erstellt: 26. Juni 2011

Liebe Freunde und Wegbegleiter,

man hat mich gebeten, das Positive eines Tages wahrzunehmen.

Das will ich gerne versuchen und erlaube mir, über das Treffen mit dem DDH (Deputy Director of Health), Herr Krishnamurti und die darauf folgenden Tage zu berichten.

Start: Montag, 20-06-2011, wohl vom Sekretär vorgesehen, Treffen mit Herrn K. zum Zwecke der Begleitung der Erlangung einer Arbeitszulassung als Hebamme, bzw. Arzt in Tamil Nadu, Indien. Die Unerläßlichkeit eines solchen Dokuments war Anläßlich der Ablehnung der Betriebserlaubnis für das MHC von ebenda festgestellt worden. Das ist international üblich und nicht in Frage zu stellen.

Anruf  Montag ca. 10 Uhr (wir waren bereits auf dem Weg zum Gesundheitsamt), Herr K. sei in Madras und käme heute nicht zurück. Morgen, Dienstag, 21-06-2011 sollten wir uns zur Verfügung halten. 

Dienstag, 15:30 Uhr,  Anruf vom Sekretär Herr K. sei jetzt anwesend und wir sollten um 16:15 da sein (Fahrt-Dauer für 27 km normalerweise ca. eine Stunde).

Wir waren pünktlich, wurden vom PA (Persönlicher Assistent) begrüßt. Dieser bedankte sich für die Wohltaten, die wir aus Deutschland den Armen des Landes mitgebracht haben und fügte gleich an, daß von seiten der Behörde erwartet werde, daß Teile der medizinischen Ausrüstung des MHC den staatlichen Stellen zur Verfügung gestellt werden sollten, da auch diese für die Armen arbeiten würden.

Er sah sich unsere Unterlagen an und wies uns an, ihm Mittwoch Kopien zu überbringen. Unmittelbar annehmen wollte er sie nicht. Der DDH sei außer Haus mit einem Vergiftungsfall beschäftigt. Beim Verlassen des Raumes war der DDH in seinem Zimmer mit Glastür mit einigen Personen sprechend zu sehen.

Die rasch angefertigten Kopien wurden wir in der Tat nicht mehr am selben Abend los, da keiner der Herren im Hause war.

Mittwoch, 22-06-2011 (ein Tag vor Ablauf der Aufenthaltsgenehmigung) 10:30 Uhr Erneutes Treffen mit dem PA zur Durchsicht der Unterlagen und Mitteilung, wohin diese gebracht werden müßten. Während des Blätterns in den Papieren Aufklärung durch PA über die Erfolge während der Amtszeit des DDH in Bezug auf steigende Zahlen der klinischen Entbindungen im Viluppuram-Distrikt. Man habe es geschafft, im Distrikt 3500 Geburten unter Klinik-Bedingungen stattfinden zu lassen, da jedes Primäre Gesundheitszentrum (PHC) 24 Stunden besetzt und mit allen notwendigen Einrichtungen versehen sei. Es sei immer ein Arzt da, Ultraschall und Reanimations-Einheit sei vorhanden; es fehle also an nichts. Derzeit gäbe es allerdings einige Versorgungs-Engpässe bei Handschuhen, Verbandmaterial und einigen anderen Dingen, sodaß es von unserer Seite angebracht sei, das PHC zu unterstützen, was mit kurz vor dem Verfall stehenden Materialen geschehen solle, welches er den kopierten Listen des Lagerraumes entnehmen konnte. 

Was unsere Papiere angehe, sollten wir doch im Internet (Internet, Sie wissen doch..) nach der Anschrift des Medical Council in Madras suchen, dort könne man auch die Antragsformulare herunterladen. Er rief kurz im PHC an, um uns anzukündigen, da wir ihm mitteilten, daß wir gerne mit der Ärztin sprechen würden. Im Nebenraum saß DDH und spielte mit seinem Mobil-Telefon.

Also Ananthapuram PHC. Frau Doktor war außer Haus und wurde telefonisch herbeigerufen. So recht klar schien nicht zu sein, was gebraucht werde. Wir würden in unserem Vorrat nach Handschuhen Größe 7 und Tupfern und Mullbinden sehen, Sie könne diese morgen bei uns abholen. Donnerstag ginge nicht, da sie zu einem Seminar müsse. Der Pharmacist würde die Sachen abholen. Ich fragte sie nach dem Hersteller des Schallgeräts und ob ich dieses sehen könne. Hersteller wisse sie nicht, sie würde es mir aber gerne zeigen. Die Schwester teilte ihr mit, daß das Gerät wegen einer Visitation außerhalb nicht zur Verfügung stehe. Das 2×2 m große Entbindungszimmer kenne ich bereits. Inzwischen steht noch ein Baby-Warmer drin, der eine gewisse Ähnlichkeit zu unserer von Heinen und Löwenstein gestifteten Rea-Einheit hat. Die Schwester teilte mit, daß es sich hier um eine Foto-Therapie-Einrichtung handele.

Hanka und Mary-Agnes haben infolge den Lagerraum nach kurz vor dem Ablauf stehenden Handschuhen und Verbandszeug durchsucht, was leicht zu bewerkstelligen war, da die Damen alles akribisch erfaßt und gelistet haben. Die Handschuhe haben wir sämtlich kürzlich in Pondicherry gekauft, da die mitgebrachten nicht mehr brauchbar waren.

Also gefunden haben die Damen nichts, dann aber doch einiges zusammengestellt, was im PHC gebraucht werden könnte.

Die Abhol-Aktion am Donnerstag habe ich nicht verfolgen können, da ich schon wieder nach Viluppuram mußte zur Kontrolle einiger meiner Sono-Statements, aber das ist eine andere Geschichte über welche ich im nächsten Beitrag ebenso berichten werde wie über die erste Geburt im MHC am 24-06-2011. Das dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben.

Zurzeit halten wir uns (wieder) illegal im Land auf und selbst wenn die E-Visa verlängert werden sollten, werden wir (wegen fehlender Arbeits-Erlaubnis) absehbar illegal arbeiten (müssen/sollen/dürfen). 

Unsere wohlmeinenden Kritiker bitte ich, dies zu berücksichtigen.

Ich danke Ihnen!

Ihr Dr. W. Donné

Besuch im Umland

Geschrieben von: Super User

Erstellt: 17. April 2011

Gute Beziehungen zu haben, ist von nicht unerheblicher Bedeutung. In einer Gesellschaft wie der Tamilischen sind Verbindungen unerläßlich, manchmal (über)lebensnotwendig. Unter diesem Aspekt war es mir für die Wirksamkeit des MHC immer wichtig, Verbindungen zu den umliegenden Krankenhäusern und Gesundheits-Zentren aufzubauen und zu pflegen. Schon mit Beginn unseres Eintreffens in Anaiyeri in 2009. Mit Fast-Fertigstellung des MHC im Februar 2011 wurden die ersten gemeinsamen Besuche der staatlichen  Gesundheitszentren  in  Ananthapuram  (4km) und Aniyur (10km) organisiert.

Liebe Freunde und Wegbegleiter,

über meine zahlreichen Visiten anderer Krankenhäuser der näheren und weiteren Umgebung des MHC (teils in Begleitung von Hanka und Josef Malat) will ich nicht berichten. 

Auf den Hinweis eines einheimischen Narkosearztes, der das MHC besuchte, um die Geräte in Augenschein zu nehmen, daß in Chetpet, Distr. Tiruvanamalai, ein Deutsches Krankenhaus sei, haben wir uns am 14-04-2011 auf die Reise begeben. Mary-Agnes, Hanka, Frau Dr. Annie und ich. Im klimatisierten Toyota-Van mit Fahrer.

Nach 45 Fahrminuten über die nicht ganz gute Staats-Straße erreichten wir das Krankenhaus. Und um den Eindruck nicht mit Worten zu stören, anbei einige Bilder:

Das St. Thomas Hospital ist eine Gründung durch Frau Dr. med. Maria Aschhoff im Jahre 1960 als Lepra-Centrum und wurde während der fünfzig Jahre des Bestehens Zug um Zug erweitert und den Anforderungen angepaßt.

Die Leiterin des Hauses, Sr. Maria Rathinam ist wie die Gründerin Mitglied des MMSI in Würzburg. 

Nach einer kurzen Wartezeit wurden wir herzlich begrüßt, über das Haus und die Sorgen der Leitung informiert und dann von Sr. Nirmala durch die Anlage geleitet. Von Blutbank über Röntgen und Labor ist alles da. Sr. Nirmala ist Leiterin der Anästhesie-Abteilung und hat uns mit den vorhandenen Indischen Narkose-Geräten vertraut gemacht; und mit ihrem besonderen Anliegen: Der Intensiv-Station. Hier werden unter anderen mehr als 25 Patienten pro Jahr versorgt, die von Schlangen gebissen wurden. Man hat ein besonderes Regime entwickelt, was die Genesung beschleunigt und die Zahl der Überlebenden anhebt. Sie ist stolz auf diese ICU!

Das 50 jährige Bestehen der Einrichtung wurde mit großem Aufwand begangen. Das zum Jubiläum herausgegeben Buch bestätigt mit eindrucksvollen Zahlen den Erfolg der Einrichtung. 

Im GYN/OB-Bereich konnten wir mit Frau Dr. Sharmila M. Priya sprechen, Gerne würde sie laparoskopisch operieren, hat aber nicht genügend  Erfahrung. Der Besuch diente zur Aufnahme einer Zusammenarbeit…

Diese zu vertiefen, scheint notwendig in vielerlei Sicht: Man könnte bestimmte Einrichtungen besser auslasten (z.B.: Die Zentral-Sterilisation), im Interesse der Patienten über Verlegungs- und Behandlungsmodalitäten sprechen und sich aushelfen. Darüber wird man nachdenken sollen zusammen mit unseren Indischen Partnern. Diese Art der Zusammenarbeit könnte auch mit den nächstliegenden Einrichtungen überlegt werden. Ich baue auf unseren Tamilischen Cooperator!

Jetzt haben Sie die Bilder gesehen. Während unseres OP-Aufenthaltes wurde dieser gerade gereinigt. Von sieben mal zwei eifrigen Händen. Die Leitende OP-Schwester hat den Erfolg der Reinigung mit einem Wollhandschuh nachvollzogen…

Dem Grundsatz folgend, daß man einen Menschen besuchen sollte, wenn man wissen will, wie es ihm geht (Goethe), haben wir Seeli, eine unserer tüchtigen Putzfrauen am 15-04-2011 aufgesucht. Seeli war am Morgen des 09-03-2011 auf dem Weg aus der Kirche zur Arbeit vom Fahrrad gestürzt und hatte sich einen –wohl komplizierten- kniegelenksnahen Unterschenkelbruch  rechts zugezogen. Gerda und Hanka hatten sich sehr bemüht, sie zu (unter)stützen und Hanka hatte sie in Begleitung von Dr. Annie in dem vom BMZ gestifteten Ambulanz-Fahrzeug nach Viluppuram gebracht.  Die in einem Privathospital in Viluppuram für die frühe Nacht vorgesehene Operation wurde nicht durchgeführt, da niemand ihrer Angehörigen zur Verfügung stand, sodaß sie zunächst nach Hause und am darauffolgenden Tag zur Operation ins Spital  mußte. Seeli ist ein zufriedener Mensch mit viel Vertrauen. Da lag sie auf der Steinbank der „Veranda“ des Hauses ihrer Eltern (als Witwe geht sie zurück zu ihrer Familie), das Knie verbunden mit einer Elastik-Binde, den Holzstock neben sich. Gehen kann sie nicht. Das Bein im Kniegelenk  bewegen kann sie nicht. Ob sie es nicht soll, war nicht klärbar. Im Bereich der Kniescheibe  ein Bluterguß. Die Wunden von zwei etwa 2 cm langen Schnitten unterhalb des Gelenks sind verheilt und die Medikamente gegen Schmerzen und Magengeschwüre ausgegangen. In der 18. KW soll eine Röntgenkontrolle durchgeführt  und das weitere Vorgehen festgelegt werden. Ein Jammer, sie da liegen zu sehen. Und rührend, wenn ihre Eltern Fruchtsaft anbieten zu unserer Erfrischung. Hoffentlich wird alles gut. Eine junge Frau mit zwei Kindern für die sie alles gibt, was sie hat. 

Bevor ich Ihnen zum Abschluß alles Gute wünschen darf, füge ich eine Internetadresse an, damit Sie meine Be-Eindruckung nachvollziehen können:

www.missionshelferinnen.de

Danke für Ihre Aufmerksamkeit

Ihr Dr. W. Donné

Februar 2011

Geschrieben von: Super User

Erstellt: 13. Februar 2011

Hallo zusammen, 
 
heute, am 2.2.2011 – genau 2 Jahre nach der Grundsteinlegung für die Geburtshilfestation -, 
haben wir endlich den Container geöffnet. 
 
Die Ereignisse des Tages möchte ich kurz Anhand einiger Bilder erzählen. 
 
Zunächst haben wir die Nacht zum 2.2.2011 das erste Mal im Haupthaus in unseren Zimmern 
geschlafen. 
Der Tag fing also gut ausgeschlafen an.  

 Der Kran kam pünktlich, der Gabelstapler leider etwas 
später, da der LKW mit selbigem an Bord, doch nicht 
schneller als 40 km/h fahren konnte. Gegen 13 Uhr ging es 
dann los. Zunächst mußte der Gabelstapler 
mit Hilfe des Krans vom LKW geladen werden. 
Als nächstes wurde der Container geöffnet und das, was man von außen sehen konnte, war schon mal sehr gut. Und dann wurde jede der vier Kisten mit viel Fingerspitzengefühl und Maß-Auge aus dem 
Container gehoben und auf die Terrasse vor der Geburtshilfestation gestellt. 
Leider gingen dabei ein paar der Betonplatten kaputt, 
da die schwerste Kiste 1500 kg wiegt. Aber ich denke, die Platten kann man problemlos ersetzen. 
 
Gegen 16 Uhr war die Arbeit getan und auch dann erst – ganz untypisch für die Inder – das Mittagessen nachgeholt.  Alles in allem ein sehr erfolgreicher Tag.  
Wie es dem Inhalt jeder Kiste geht, wird man erst in ein 
paar Tagen sehen können, wenn die Kisten nach und nach 
ausgeräumt werden. Das Äußere läßt aber die berechtigte 
Hoffnung zu, daß alles soweit gut ist. 
  In diesem Sinne, werden wir nun ziemlich erschöpft in die Kojen fallen. 
 
Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. 
 
Alles liebe 
 
Eure Hanka