Neues aus Anaiyeri

Nachdem bis zur Jahreswende keine Arbeitsgenehmigung für die deutsche Hebamme Hanka John erlangt werden konnte und ihre Beurlaubung in Deutschland auslief, machte sich der Verein Pirappu auf die Suche nach einem neuen Hebammen-Team, um die geplante Arbeit in der Geburtshilfestation in Anaiyeri fortzusetzen. Hanka John stand dankenswerterweise unserem Projekt drei Jahre in der Bau- und Aufbauphase zur Verfügung und wird das Projekt weiter von Deutschland aus betreuen, indem sie Hebammen für den Einsatz in Indien mit auswählt und diese auf ihren Einsatz dort vorbereitet.
Es gelang, zwei deutsche Hebammen für das Projekt zu gewinnen, die im März 2012 für ein halbes Jahr nach Indien reisten, um die Geburtshilfestation in Anaiyeri zu leiten: Frau Ursula Michel (SES: Senior Experten Service) und Frau Daniela Nedogoda – beide erfahrene Hebammen. Im September 2012 wird dieses Team durch ein neues Team abgelöst. Mit der Einstellung einer weiteren indischen Krankenschwester, konnte das indische Team von zwei auf drei Schwestern/Hebammen aufgestockt werden. Das deutsche Team leitet diese an, bildet sie aus und gemeinsam werden Schwangerenvorsorge, Geburten und häusliche Nachsorge durchgeführt. Dr. Wolfgang Donné, steht dem Team jeweils vier Wochen zur Einarbeitung zur Verfügung.
Zusammen mit unserer indischen Partnerorganisation bemühen wir uns in der nächsten Zeit um die staatliche Anerkennung unserer Geburtshilfestation, damit die Schwangeren bei Geburten in unserer Einrichtung den vom Staat versprochenen Bonusgeldbetrag erhalten.
Die indische Ärztin Dr. Annie arbeitet seit April 2012 halbtags an einer staatlichen Klinik, steht zusätzlich unserer Geburtshilfestation zur Verfügung und bemüht sich zur Zeit um eine Facharztausbildung als Gynäkologin.

Im Aufbau. Danke für Ihr Verständnis 

Nachdem ich in diesem IT-Superpower-Land das vierte Mal aus dem Internet geflogen bin, jetzt letzter Versuch, Aktuelles zu plazieren. Das dauert in der Regel eine bis zwei Stunden und kostet Nerven.

Mit dem 16. September  wurde der Benzinpreis in Indien um etwas mehr als 3 Rs angehoben. Das Centre for Science and Environment (CSE) verurteilt dies, da der Preis für Diesel unverändert bleibt (wegen Bus, LKW-Transport und Eisenbahn) und diese Erhöhung nurmehr den Graben zwischen den Armen (überwiegend Kleinwagen- und Motorradbesitzern) und den Reichen  Autobesitzern vertiefen und ebenso ein nicht unerheblicher Verlust für die öffentliche Gesundheit darstellen würde, da zwischenzeitlich der Dieselanteil neuzugelassener PKW  36% betrüge und es an der Zeit sei, eine Steuer für SUV und andere großvolumige Luxusautos einzuführen, um diese Ungerechtigkeit zu beheben. In Madras begegnen einem tatsächlich immer mehr Toyota-Van 2,5 l, Audi (Vorsprung durch Technik), Volkswagen (das Auto), BMW, Mercedes-Benz (The best or nothing) und – Porsche.  Ja!  Richtig dicke Autos für richtig viel Geld. Allein in dieser Stadt werden täglich eintausend Neufahrzeuge zugelassen. Der Benzinpreis liegt also jetzt in Madras bei 70, 82 Rs. Josef Malats Umrechnungskurs zugrunde legend entspräche das in Deutschland etwa 3, 50 €/l.
Zum Glück haben die Tamilen richtig gewählt und die Chefin (CM) des Landes Jayalithaa hat wie versprochen damit begonnen, Segnungen über die Armen zu schütten, indem sie für 12 000 arme Familien Jersey Milchkühe und 4 Ziegen/Schafe für 100 000 arme Landfamilien, Küchengeräte, Tischventilatoren und Herde für Hausfrauen (250 000), Laptops für staatliche und staatlich unterstützte Schulen und 4 g Gold für zu verheiratende Töchter verteilt und verteilen läßt. Die Milchkuh-Empfänger werden eigens hierfür nach Gujarat gebracht, damit sie sich die rechte Kuh aussuchen können. Das Programm umfaßt  Ausgaben in Höhe von  zusammengerechnet 2353 Millionen Rs „this year“.
Für die überwiegende Anzahl der PHC soll High Tech eingeführt werden. Unter anderem Telemedizin. Hierfür werden zusätzlich 15 000 Ärzte gebraucht. Da die Medizinstudenten vom Land nicht die gute(n)  Ausbildung - Möglichkeiten der (ein)gebildeten Stadt- Bevölkerung hätten, will die CM dafür sorgen, daß die Medizinstudenten vom Tamil-Land nicht an dem zentralen Eintrittsexamen zur Weiterbildung teilnehmen müssen. Die Zentralverwaltung Indiens hat diese Form der Prüfung beschlossen, um den teilweise miserablen Standard der Indischen Ärzte zu heben und gleiche Bedingungen zu schaffen ohne Möglichkeiten der korruptiven Beeinflussung. Man darf gespannt sein…
Auch im August, nämlich zum ersten, wurde vom Umweltministerium Indiens eine rechtsverbindliche Abgabe für Plastiktüten eingeführt, um die Umweltverschmutzung und den Energie-Verbrauch einzuschränken. Die Abgabe beträgt  3, 5 und 7 Rs je nach Größe der Tüte und wird in den Einkaufszentren von Chennai durchgezogen, wobei man keine Möglichkeit hat, um diese Tüte herum zu kommen, da man nur mit versiegelter Tüte hinaus kommt. Insofern ein bißchen ärgerlich, wenn ich dann mit meiner Stofftüte vom Auroville-Bäcker erst hinein will, was schwierig ist – und hinaus geht halt nicht. Immerhin ein Anfang. In Pondicherry interessiert das niemand. Und auch sonst werden weiter diese verbotenen 40 Micron Beutel verwandt, ohne daß sich irgendwer daran stören würde. Will man diesen Beutel nicht, muß man die mitleidig fragenden Blicke eben ertragen. Das geht aber.

Liebe Freunde und Wegbegleiter!

Durch meinen Exkurs ins ´Forum´ bin ich ein wenig ins Straucheln geraten, was die Zeitabfolge und die Ereignisse anlangt. Ich bitte um Nachsicht. 
Um eine gewisse Ordnung wiederherzustellen erlaube ich mir, Juli, August und September in Tagebuchform niederzulegen, auch um Sie vor meinen Allgemeinbetrachtungen  zu bewahren. Die E-Visa-Geschichte fand ich allerdings bemerkens - und gleichzeitig zutiefst bedauernswert, wenn man bedenkt, daß die zusätzlichen Kosten für diese Verlängerung durch gute Verständigung des Anwalts mit dem zuständigen Beamten in Viluppuram je zweihundert Euro betrugen. 
Seit längerem wird durch Fasten-Aktionen maßgeblicher Persönlichkeiten wie Anna Hazare versucht, die überbordende Korruption in Indien in den Focus der Öffentlichkeit zu bringen.
Also jetzt, beginnend mit dem Eintreffen der „Elektriker ohne Grenzen“:

09-07  Josef und Jürgen, die „Stromer“ aus dem Chiemgau, treffen in Anaiyeri ein
10-07  Ausflug nach Panamalai Hills, einem Tempel mit atemberaubendem Weitblick
11-07  Treffen mit Elektrikern aus Chennai zur Klärung der Notwendigkeiten. Dr. A. Arokiasamy anwesend
12-07  Ein ganzer Tag Anrufe von Hanka im „Nursing Council“ in Delhi  bezüglich der notwendigen Arbeitsgenehmigung, die vom Amtsarzt gefordert wurde. Erfolglos
13-07  Vorsprache im Cluny-Hospital in Pondy zur Erlangung der Kenntnis des Weges, um eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Erfolglos.  Am Abend Gespräch mit Herrn Dr. Kalimuthu, der die Arbeitsrechtliche Situation klar macht und uns wegen möglicher polizeilicher Konsequenzen dringend davon abrät, unsere Arbeit wieder aufzunehmen. Sepp und Jürgen haben uns begleitet 
14-07  Französischer National-Feiertag in Pondicherry
15-07  Treffen mit A. Arokiasamy im PMD-Centre wegen der fehlenden Arbeitsgenehmigung. Es wird beklagt, daß man falsch geleitet worden sei. Zusammen mit Sepp und Jürgen, die sich die Zeit mit einer Besichtigung des Zentrum verkürzt haben, in Pondicherry Bestellung der Kabel und des Zubehörs für die notwendige Umgestaltung der elektrischen Anlage des Rural Maternity Health Centre
18-07  Planung der Aushub-Arbeiten für die Erdkabelverlegung
19-07  Frau Doktor M. Kalasree aus Gingee wird als zukünftig mitwirkende Frauenärztin  und Anästhesistin vorgestellt. Einmal pro Woche für zwei Stunden wird sie  dem MHC zur Verfügung stehen und auch sonst in Notfällen. Dr. A. Arokiasamy anwesend
22-07  Vorbereitung zum Umbau der Fenster auf nach außen öffnend. Weshalb das nicht sein soll, wurde im Vorfeld tagelang besprochen. Mit einigen MHC-Mitarbeiterinnen (den Putzfrauen) reinigen wir Deutsche die Grundstücke um die Mauer des MHC von dem von hier hinüber geworfenen Müll (von Plastikflaschen über Biomüll bis zu Pampers ist alles dabei). Auf dem MHC-Gelände gibt es ein Müll-Haus mit sechs Mülltonnen zum Zwecke der Abfall-Trennung
25-07  Cara Weltermann, eine Schwesternschülerin aus Heidelberg, trifft in Pondy ein. Sie will 4 Wochen in Tamil Nadu hospitieren 
28-07  Beginn der Grabungsarbeiten für die Erdkabel
29-07  Vorstellung Caras in St. Thomas-Hospital in Chetpet zur Frage der Übernahme, da für MHC keine Genehmigung vorliegt. Sr. Maria Rathinam und Sr. Nirmala freuen sich auf Caras Einsatz ab 01-08
05-08  Jürgen und Sepp fliegen nach wohlgetaner Arbeit nach Bayern zurück. Wie im Forum beschrieben anschließende E-Visa-Verlängerung in Chennai (2 Tage)
09-08  Vorsprache im Tamil Nadu Nursing Council erneut wegen Hankas Arbeitsgenehmigung. Dieses Warten auf die Chef-Nurse Frau Dr Josephine 
11-08  dauert eben drei Tage. Hanka erhält Papiere und den Hinweis, daß ihre Universität die Zeugnisse und Unterlagen direkt an das Indische Nursing Council in Delhi schicken muß. Ihre übersetzten Unterlagen werden nicht akzeptiert
22-08  Treffen mit A. Arokiasamy und Anbarasu im Büro von RA Giridhar in Chennai, der das Bekannte bestätigt und anfügt, daß die Papiere wegen häufiger Fälschungen direkt von der Uni an die Zentralbehörde geschickt werden müssen. 
23-08  Geburt im MHC. Begleitet wird die Drittgebärende bei der Geburt ihres dritten Mädchens von Frau Dr. Kalasree, Frau Dr. Annie und Schwester Marie-Agnes. Das Kind wiegt 2000 g und alles scheint gut. Einige Tage später verstirbt das Kind zu Hause
24-08  Joint-Director-Inspection des MHC. Es geht um die technische  Ausrüstung und die Einhaltung bestimmter Indischer Krankenhaus-Regelungen
03-09  Ganz Indien feiert das Fest für Ganeshan, Sohn Shivas. Überall werden kleine und große Ganeshs verkauft, die dann liebevoll irgendwo zu Wasser (heilig) gelassen werden. Über 180 Ganeshs werden in Pondicherry mit Ochsenkarren und Lastwagen zunächst durch die Stadt und dann an die Pier
05-09  gebracht, wovon sie ins Meer gestürzt werden
07-09  Der Container wird von Anaiyeri nach Chennai in ein Warehouse gebracht
12-09  Zoll-Inspektion des Container-Inhalt
15-09  Für die Container-Behandlung werden 50 000 Rs angezahlt. Hanka John reist nach Deutschland
18-09  Entbindung im MHC unter Leitung einer wohl erfahrenen Schwester, die auch im St. Thomas Hospital in Chetpet gearbeitet hat. Das Kind wog 3800 g, ein Knabe und allen geht es gut
25-09  Frau Rekha, eine Zweitgebärende, bringt einen Sohn zur Welt. Sie  war 14 Tage über Termin wie man wußte. Das Kind wog 3500 g und Mutter und Kind sind wohlauf. 

Auch an diesem Tag nehmen in Wertheim/Main, Deutschland 467 Menschen am Benefiz-Lauf  ´für eine bessere Welt´ des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium  teil. Von hier aus danke ich allen für diese wundervolle Idee und für die Unterstützung, die wir von Ihnen erfahren

Mit dem 30-09  liegt das Prüfungs-Ergebnis des Joint-Direktors nicht vor. Lt. Auskunft müsse eine Pharmazie  eingerichtet werden, die mit Klima-Anlage nunmehr auf der Terrasse des MHC gebaut werden soll. Der Apotheker wird nur einmalig für den Vertrag bezahlt, den Verkauf der Arzneimittel werden die Sprechstunden-Hilfen übernehmen. Der Container wird zur Zeit im Hafen festgehalten, da eine EORI Nummer fehlt. Herr Dr. A. Arokiasamy hat am 27-09 seine Bewerbung für das Präsidentenamt im Kakkanur-Bereich  eingereicht. Seine Frau steht nicht zur Wiederwahl. Der Ambulanz-Fahrer Britto, ein 21jähriger Mann, erhält 4000 Rs Monatslohn. Der Generator hat nach dem Einbau eines Gebraucht-Teils zur 12 V – Stabilisierung den Automatikbetrieb eingestellt. Der Bericht der Elektriker steht Interessierten auf Anfrage per Post zur Verfügung.
http://www.thehindu.com/todays-paper/tp-national/tp-tamilnadu/article2472432.ece
beschreibt, was in Indien mit Medizinern ohne gültige Papiere geschieht. Gültig meint, vom Staat Indien anerkannt. Zum Verständnis
Soviel heute. Ich danke Ihnen allen! Für Ihre Geduld und Nachsicht, für Ihr 
Interesse und Teilnahme, für Ihr Verständnis. Und für Ihre Unter – Stützung, die
wesentlich zum Gelingen dieser Aufgabe beigeträgt.

Ihnen alles Gute!  Mit herzlichen Grüßen!

Ihr Dr. W. Donné  


P.S.:    
Am Sonnabend, 24-09 sollte die O2-Flasche, die -nach meiner Kenntnis- unbenutzt, ihren Inhalt eingebüßt hatte, abgeholt werden. Nach Mehrfach-Telefon-Anrufen am Sonntag ist das tatsächlich auch um 17 Uhr geschehen. Mit heute (30-09) habe ich nichts mehr von der Flasche gehört oder gesehen. Bemerkenswert hierbei ist, daß dieser Druckbehälter von mir als neu gekauft und bezahlt wurde. Das Aussehen läßt eher Altersschwäche vermuten. Gekauft bei Avasarala-Technologies, die den Indischen Markt für Narkose-Geräte dominieren (wollen). So ist das hier!  Gutes Gelingen! Überall wird geputzt und gestrichen für Gandhis Geburtstag am 02-10. Das ist die andere Seite: Wie liebevoll und aufmerksam Linien nachgezogen und Girlanden angebracht werden. Aber das kennt man auch von anderswoher

    

    

Das dritte Kind ist also auch geboren. Am 12-07-2011 per Kaiserschnitt im New Medical College (NMC) in Mundiampakkam, Viluppuram. Nach einem Höllenritt von einer Stunde in dem vom BMZ gestifteten Ambulanzfahrzeug, welches den Namen nicht verdient. Aber immerhin: Das Kind, das ersehnte Mädchen (!) ist gesund, die Mutter, die nach dem zweiten Kind eine Sterilisation, die hier „Family-Planning“ heißt, wollte, ist wohlauf und der operative Eingriff ist gut verlaufen.

Nochmal Glück gehabt, wie ich meine. Schon wieder: Die Mutter, das Kind – und wir. Ohne Aufenthaltsgenehmigung und Arbeits-Erlaubnis, aber mit Vertrauen der werdenden Mutter in die Richtigkeit unserer Entscheidungen. 

Am Morgen des 11-07-2011 war Frau Kamramary bei uns zur Schwangerenversorge; leichte Wehen waren bereits auf dem Herzton- und Wehenschreiber zu sehen; da Frau K.  so gar nichts davon merkte, schickten wir sie wieder nach Hause. Besonderheiten gab es bei dieser dritten Schwangerschaft von Frau K. nicht.

Der 11-07-2011 war etwas anstrengend, da zum einen viele Patienten da waren, zum anderen aber wichtige Gespräche zwischen deutschen und indischen Elektrikern der Übersetzung bedurften.  

Gegen 23 Uhr kam der Anruf von Frau Kamramary, daß sie nun doch stärkere Wehen habe. Anbarasu, dritte Verdienst-Quelle zweiter  Krankenwagenfahrer, war schnell im Auto und auf dem Weg zu unserer Frau, die er eine  knappe halbe Stunde später sicher im MHC abgab. Wehen waren also da und auch die Fruchtblase sei gegen 18 Uhr gesprungen. Rasch wurde  alles vorbereitet, das dritte Kind kann ja mal schnell gehen. Muß es aber nicht. 

Denn trotz guter Vorzeichen wollte das Kind einfach nicht mitmachen. Wir haben alles versucht, von Rumlaufen über verschiedene Lagerungspositionen im Bett bis hin zu häufigen Toilettengängen und homöopathischen Kügelchen, eben alles was möglich ist. Als dann gegen 3 Uhr morgens trotz regelmäßiger und kräftiger Wehen alle 2-3 Minuten das kindliche Köpfchen immer noch nicht im Becken war, die Herztöne des Kindes langsam Auffälligkeiten zeigten und das Fruchtwasser grünlich wurde, entschieden wir, Frau K.  zu verlegen. 

Im Zuge der Verlegungsvorbereitungen stellte sich heraus, daß keine Ri/NaCL-Infusionslösungen mehr zur Verfügung standen, da alles für die Vitamingaben der Allgemeinärztlichen Tätigkeit verbraucht war. Es dauerte eine Ewigkeit, den Rollstuhl zu finden. Nicht lange brauchte ich, um festzustellen, daß es in diesem überwiegend als Personen – und Materialtransporter genutzten Ambulanz-Fahrzeug keine Möglichkeit gibt, eine Infusionsflasche aufzuhängen. Also Infusion in der Hand über den Kopf der Frau und dabei immer zwischendurch ein Milliliter eines wehenhemmenden Medikaments aus Deutschland, um dem Kind und der Mutter eine Verschnaufpause zu verschaffen. Da ein liegender Transport in diesem Wagen nicht möglich scheint,  übernahm Annie die Infusion, damit ich die Frau durch energisches Festhalten vor dem erneuten Aufschlagen ihres Hinterkopfes auf hervorstehende Eisenbügel bewahren konnte. Kurz vor Erreichen des NMC mußte der Wagen vor einer geschlossenen Schranke anhalten und der Beifahrer den Schrankenwärter wecken, damit wir die Fahrt fortsetzen konnten.

Das NMC ist ein Ensemble imposanter Gebäude und wurde vor einem Jahr der Bestimmung übergeben. Kurz nach Eröffnung besuchte ich den Leiter des Hauses, der das ganze als planungs- und ausführungstechnische Katastrophe abtat. Wie wahr. Alles vermüllt, stinkend und dreckig. Die Einrichtung in einem bedauernswerten Zustand, und das ein Jahr nach Inbetriebnahme. Siehe: http://www.thehindu.com/todays-paper/tp-national/tp-tamilnadu/article2155462.ece Die sechs diensttuenden Schwestern waren recht mürrisch ob der unerwarteten Störung ihrer Nachtruhe, während sich in einem neben liegenden Saal mehrere Gebärende nackt auf Edelstahl-Liegen wälzend allein mit ihrem Los, ein Kind zu bekommen, auseinandersetzten. 

Die diensthabende Ärztin war rasch zur Stelle, untersuchte die Patientin, stellte per Ultraschall-Farbdoppler eine Nabelschnur-Umschlingung fest und ließ alles zum Kaiserschnitt vorbereiten. „DIL - Danger in Life“  heißt das hier, wenn es dringend ist, und zwei Stunden später kam das Mädchen zur Welt. 

In Deutschland ist das die „EE-Zeit“, Entscheidung-Entbindung, sie beträgt 20 Minuten…

Wir alle hatten Glück – oder wie man es sonst bezeichnen mag. Auch, daß die diensttuende Kollegin ruhig und sachlich die notwendigen Schritte unternahm ohne Vorwürfe oder besserwisserische Gedanken zu äußern. Das ist durchaus nicht üblich. Jeder blicke zurück auf seine Tätigkeit.  Ich mag mich nicht ausschließen.  

Somit bin ich im fortgeschrittenen Alter und Berufsleben urplötzlich in der Situation, eine Frau unter der Geburt an eine leistungsfähigere Einrichtung abgeben zu müssen. Bislang war ich immer auf der „Empfänger-Seite“. Auch eine Erfahrung…

 

Danke Ihnen für Ihre Begleitung!

 

Ihr Dr. W. Donné

 

P.S.:  Am 22-07-2011 wollte ich Frau K. zu Hause besuchen. Sie muß noch stationär behandelt werden, da die Kaiserschnitt-Narbe infiziert sei. Schade.. 

 

Es war ein wenig kompliziert, aber es sollte jetzt möglich sein, Teile des "Hindu", der größten Indischen Tageszeitung, per Link lesen können. Die Artikel verdeutlichen Überlegungen zum Gesundheits-System, welche ich manchmal berichte.

Am Montag, dem 04-07-11, gab es bei Besuchen des Medical Council und anderer Einrichtungen, bedingt durch Wartezeiten, hinreichend Gelegenheit, Zeitung zu lesen. Über die Ergebnisse der diversen Vorstellunsgespräche wird noch ein Eintrag folgen.

Viel Spaß beim Blättern!

Ihr Dr. W. Donné

Hier die Links: 

http://www.thehindu.com/opinion/op-ed/article2144985.ece

 

http://www.thehindu.com/opinion/open-page/article2153807.ece

http://www.thehindu.com/opinion/open-page/article2153728.ece

http://www.thehindu.com/opinion/open-page/article2153732.ece

http://www.thehindu.com/news/states/tamil-nadu/article2154014.ece

http://www.thehindu.com/todays-paper/tp-national/tp-tamilnadu/article2155456.ece

 

http://www.thehindu.com/todays-paper/tp-national/tp-tamilnadu/article2155462.ece

Also lange warten mußten wir nicht.

Um 20:12 Uhr IST wurde der zweite Junge im MHC geboren. 3140 g schwer und gut drauf wie die Mutter und insbesondere der Vater, da die zweijährige Tochter jetzt einen Bruder hat. Nicht wissend, ob in Indien eine Insertio velamentosa ein besonderes Glück ist, würde ich behaupten, daß alle Glück gehabt haben. 

Wissend, daß noch einige Mädchen zu erwarten sind, mache ich mir jetzt keine Gedanken um die Geschlechter-Verteilung in der Gegend. Eher schon um die Zukunft dieser Kinder. 

Jetzt aber bin ich froh und dankbar, daß es dem Neugeborenen und der Mutter gut geht.

Seit zwei Stunden tobt ein Gewitter mit enormen Blitzen und heftigem Regen. Aus den Lichtanschlüssen und Stromverteilungen über der Veranda fließt das Wasser.

Und die Landschaft und deren Bewohner atmen auf nach Wochen mit 40°C Hitze.  

Bleiben Sie uns verbunden!

Ihr Dr. W. Donné