In der Ruhe liegt die Kraft 5 Years, 5 Months ago  

E-Visa/Work-permit

Am 05-08-2011, nachdem wir unsere beiden Stromer nach erfolgreich beendeter Spannungs-Tätigkeit wieder zum Flughafen nach Chennai gebracht hatten, machten wir uns auf den Weg zum „Under-Secretary to Govt. of Tamil Nadu, Public Department (Foreigner)" in die alten Räume der Tamil Nadu Hauptverwaltung, nachdem die neue (alte) filmschauspielende CM (Chief Minister) des Staates den Umzug in das von der Vormals-Regierung erbaute, 45 Mio. € teure Gebäude wie vor der Wahl angekündigt rückgängig gemacht hatte.
Wir mußten also nicht lange suchen, da wir erst zu Beginn des Jahres 2011 in diesen Räumen die Verlängerung des E-Visum bis 23-06-2011 erhalten hatten.
Es ist einfach besser, persönlich zu erscheinen, statt sich auf Anwälte zu verlassen, welchen man hinterher telefonieren muß.
Der Rest war einfach: Die freundliche Dame suchte in einem dicken Buch unsere Namen, fand diese unter dem Eintrag vom 27-07-2011 und bereitete mit Hilfe der Chefin die Verlängerung des E-Visum bis 23-06-2012 vor, welche wir per Stempel und Unterschrift dann nach(!) 4 Uhr p.m. erhielten. Der Tag war also für diesen Stempel verbraucht. Aber immerhin. Wir haben also jetzt ein E-Visum:
E für EMPLOYMENT. Das heißt, der Arbeitsvertrag mit der PMD kann bis zu diesem Zeitpunkt aufrecht erhalten werden.
Das heißt nicht, daß wir arbeiten dürfen, da wir die hierfür notwendige Arbeitsgenehmigung (W-Permit), die eine schriftliche Anerkennung unserer Zeugnisse durch die Indische Zentralverwaltung voraussetzt, nicht haben.
Da dieser Unterschied schwer zu vermitteln ist, traf ich mich am 06-08-2011 um 19:30 Uhr mit dem Chief Medical Officer von Pondy, der die Problematik deutlich erkannte:
Sie brauchen also eine schriftliche Anweisung der notwendigen Schritte, um in Tamil Nadu als Hebamme, bzw. Arzt arbeiten zu können, damit die Deutschen Ihre derzeitige Situation, nicht arbeiten zu dürfen, verstehen. Er rief den DDH in Viluppuram an, um von diesem ein solches Schreiben zu erwirken.
Meine insgeheime Wette über den Ausgang dieses Gesprächs habe ich gewonnen:
Der DDH, Herr Krishnamurti, verwies auf das Medical Council in Madras, wo man die „Rules and Regulations für im medizinischen Bereich in Tamil Nadu tätige Ausländer“ erhalten würde. Herr Kalimuthu, Chefoberster Doktor in Pondy, hat versprochen, mir den Namen des Verantwortlichen in Madras zu geben, damit das Verfahren zur Verständlich-Machung der Verwaltungs-Schritte nicht zur unendlichen Geschichte ausartet.
Ungeachtet dessen hat er mich nochmals eindringlich darauf hingewiesen, daß die Aufnahme einer Tätigkeit ohne Vorliegen einer Genehmigung - wie überall in der Welt, so auch in Indien, eine Straftat ist. Ich hatte das wohl verstanden.
Bleibt zu hoffen, daß es zwischen Indien und Deutschland Anerkennungsverträge der entsprechenden Zertifikate gibt. Wenn nicht, greift die Prozedur der Anerkennung ausländischer Berufszeugnisse wie ich sie von meinem Klinik-Alltag kenne:
Anerkennungsjahr in einer zugelassenen Einrichtung, Prüfung und ggf. Sprachtest.
Dann war´s das!

Bleiben Sie uns verbunden!

Ihr Dr. W. Donné

Der Sonntags-Hindu ist immer lesenswert: Gefälschte Zugangspapiere zum Medizin-Studium, Betrügereien ungeahnten Ausmaßes, Korruption ohne Ende und – die Suche nach einer Verwendung des Neuen Chief Secretariat in Chennai, geplant von Deutschen Architekten, die zu meinem Erstaunen u. a. den Bahnhofs-Vorplatz in Koblenz gestaltet haben. Irgendwie hatte ich den Namen schon mal gehört oder gelesen.. http://www.gmp-architekten.de/en/projects.html dann „T“ „Tamil Nadu Legislative Assembly Complex“ und bewundern. Laut Hindu hat das Ensemble bislang 500 Millionen Rupien gekostet, was nicht den von mir o. g. 45 Mio € entspricht.
Armes Indien?! Bei http://www.thehindu.com/news/states/tamil-nadu/article2331534.ece?homepage=truen kann man nachlesen.

Der Juli 2011 5 Years, 5 Months ago

Hallo Ihr Lieben,

Seit dem 19. Juli sind wir genau 2 Jahre in Indien. Im Rückblick ist die Zeit unglaublich schnell vergangen. Es war eine sehr aufwühlende Zeit, meistens hatte ich das Gefühl von einer Katastrophe zur Nächsten zu rutschen, aber in Summe muss ich sagen, haben wir doch alles irgendwie gemeistert. Und darauf bin ich auch ein wenig stolz. Denn da waren die unverständlichen Verzögerungen am Hausbau, die Tatsache, dass wir seit Anfang 2010 die meiste Zeit allein auf der Baustelle gearbeitet haben, damit es wenigstens etwas weiter geht – zur Erinnerung: vor 1 Jahr, also Juli 2010, war es noch nicht möglich in der Geburtshilfestation zu Übernachten, da es noch nicht einmal eine funktionierende Toilette gab. Wir sind also täglich von unserer Wohnung in Pondicherry nach Anaiyeri gefahren; täglich 70 km hin und wieder zurück, bei dem Verkehr. Dann waren da die Riesensorgen um den Container, Visaverlängerungstragödie erste Teil, die mittlerweile zum zweiten Teil erweitert wurde und, und, und.
Wenn auch mit vielen Bedenken, Zweifeln und schlaflosen Nächten verbunden, ging es am Ende doch immer, wenn eben auch mit großer Verzögerung. Als dann Ende Juni 2011 die ersten Kinder im MHC geboren wurden, hatte ich endlich – nach so langer Zeit – das Gefühl, ich bin hier richtig. Angekommen. Die ganze Mühe im Vorfeld schien sich gelohnt zu haben und nun können wir so richtig durchstarten. Medizinisch lief auch alles bestens, das hat sich natürlich herumgesprochen und viele Frauen kamen in Folge zu Vorsorgen oder auch um einfach mal zu gucken. Alles schien sich nun doch zu finden und ich dachte: siehste mal Hanka, manchmal lohnt es sich wirklich zu warten.
Da Probleme wohl aber die Eigenschaft haben nie vollständig zu verschwinden, um nicht zu sagen auch zu einer gewissen Vermehrungsquote neigen, begannen Mitte dieses Monats Probleme, mit denen ich nie gerechnet hätte und deren Auswirkungen verheerende Ausmaße angenommen haben. Begonnen hat alles damit, dass wir unsere dritte wehende Frau verlegen mussten, Wolfgang hat dies bereits ausführlicher unter „Aktuelle Infos“ beschrieben. Als wir nachts um 4 Uhr mit unserer Frau in dem ein Jahr alten staatlichen Krankenhaus ankamen und die Zustände in dieser Klinik sahen, war ich mehr denn je davon überzeugt, dass die Arbeit, die im MHC bereits begonnen wurde, extrem wichtig ist.
Ihr könnt es Euch nicht vorstellen!
Die fünf! diensthabenden Krankenschwestern wurden durch unser Kommen geweckt und waren nicht sehr erfreut. Dick und rund, in ihre Schwesternuniform gepresst und einem, wenn auch etwas verrutschten, Häubchen auf dem Kopf glichen sie eher einer aufgeblasenen Karikatur ihres Berufsstandes. Unsere Frau wurde auf eine blutige Unterlage gelegt, keine Ahnung wie viele Frauen vor ihr da schon liegen mussten, und wir wurden gebeten draußen zu warten. Dort hing eine Tafel mit den Geburten- und Sterberaten der letzten Monate. Ich hab es nicht mehr genau im Kopf aber von etwa 230 Geburten im Monat März gab es 17 Totgeburten (Kinder, die am Termin Tod geboren werden). Und das in einer Klinik mit allen Möglichkeiten (OP, Narkosearzt, Kinderarzt, Medikamenten etc.). Ein Blick in das gegenüberliegende Zimmer gab eine kleine Erklärung für diese Zahlen. Da lagen in einem etwa 15m2 großem Raum 6 Frauen, auf den bereits bekannten Metallbrettern, nackt, ohne Trennwand, sich hin-und her drehend, stöhnend, weinend, einigen liefen Blut oder andere Flüssigkeiten zwischen den Beinen heraus. Alles voller Mücken und sonstigem Getier, alles dreckig und keine Betreuung. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde! Zurück bleibt die Frage, wie können Menschen – in dem Fall Frauen – anderen Frauen eine solche menschenunwürdige Behandlung zukommen lassen? Ich war so schockiert und aufgeregt, dass ich selbst auf der Rückfahrt noch am Zittern war. Ist es wirklich so schwer zu putzen oder einer Frau mal gut zuzusprechen?
Aber das nur nebenbei, denn was ich eigentlich erzählen wollte, war die doch sehr eindringliche Nachfrage der diensthabenden Frauenärztin, wer denn die Papiere, die wir über unsere Frau hatten, geschrieben habe. Es wurde von Dr. Annie zunächst versucht der Antwort auszuweichen, aber dann doch gesagt, dass ich das war. Der prüfende Blick der Ärztin auf die Papiere, dann auf mich und wieder auf die Papiere hinließ ein sehr ungutes Gefühl. Im Auto kam mir dann der Gedanke, dass ich, da ohne Arbeitsgenehmigung, eigentlich froh sein kann, dass die Gute nur komisch geguckt hat.
Ja, die Arbeitsgenehmigung ist ein weites Feld und offensichtlich das größte Staatsgeheimnis überhaupt, denn auch in Deutschland ist es wohl unmöglich herauszubekommen, wie man an so einen Zettel hier in Indien kommt. Aber auch vor Ort ist das nicht so einfach.
So waren wir diesbezüglich in Chennai und haben beim Nursing and Midwife Counsel vorgesprochen. Großes Erstaunen gab es, da ich eben „nur“ ein Hebammendiplom habe und keines über Krankenpflege vorlegen konnte. Erklärungen meinerseits wurden zwar interessiert angehört, am Ende konnte man mir jedoch nicht weiterhelfen und ich wurde an die Zentrale in Delhi verwiesen. Nach 9! Tagen vergeblichem E-Mail Schreibens und endlosen Telefonwarteschlangen konnte ich endlich in Delhi jemanden erreichen. Nur leider war ich da anscheinend auch falsch, ich solle mich doch bitte an die All India Assoziation wenden. Die Zentrale in Delhi ist nur für die Vergabe von Ausbildungsplätzen zuständig. Adresse oder irgendeine Kontaktmöglichkeit konnte man mir nicht geben, das könne ich doch im Internet nachsehen. Kann ich, wenn denn dazu irgendetwas zu finden wäre, was mir bei meinem Problem irgendwie weiterhilft. In meiner Verzweiflung bat ich Samy um Hilfe. Er, als mein indischer Arbeitgeber, ist immerhin der eigentlich Verantwortliche für die Besorgung der Erlaubnis. Er versprach, sich mit einem Bekannten in Verbindung zu setzen und mir die Telefonnummer dieser Assoziation zu organisieren. Darauf warte ich immer noch.
Da alle unsere Wege bisher im Sand verliefen, kam uns die Idee, einen Bekannten in Pondicherry um Rat zu bitten, bei dessen Frau ich Anfang 2010 ein Praktikum in deren privater Frauenklinik machen durfte. Dieser Bekannte, selbst Arzt und mittlerweile Chief Medical Officer der Regierung von Pondicherry, war immer sehr hilfsbereit und freundlich und so auch diesmal. Er nahm sich direkt Zeit, sich unsere Sorgen anzuhören. Da er sehr gut bekannt ist mit dem Amtsarzt in Viluppuram, rief er diesen auch sogleich an, um sich über die Rechtslage bezüglich Arbeitsgenehmigung in Tamil Nadu zu informieren. Und dann kam es, die Rechtslage, so der Amtsarzt, schreibt vor, dass wir zunächst ein 1-jähriges Praktikum an einem stattlichen Krankenhaus machen müssen, ein sogenanntes Anerkennungsjahr, danach sind Examina in Medizin und der Landessprache zu schreiben und erst dann würden wir die Genehmigung bekommen.
Schock!
Unser Arbeitsvertrag läuft in genau einem Jahr aus, bis dahin sollte eigentlich alles soweit laufen, dass unsere indischen Kollegen die Geburtshilfestation allein weiter führen können.
Auf unsere dann schon sehr verzweifelt vorgebrachte Nachfrage, ob es denn wirklich keine andere Möglichkeit gäbe in Tamil Nadu zu arbeiten, wurde unser Bekannte auf einmal sehr ernst und machte uns mit Nachdruck klar, dass es anders nicht geht, denn wie soll man sonst unsere Qualifikation prüfen. Es gäbe nur eine Möglichkeit, wir müssen unseren Arbeitsvertrag verlängern. Und das ist unmöglich. Wenn wir trotzdem, also ohne Genehmigung, arbeiten würden wären wir in der gleichen Liga wie Quacksalber und das würde mit Gefängnis und Geldstrafe bestraft - weiß ich, hab ich schon oft genug in der Zeitung gelesen.
Auf dem Weg aus seinem Büro stieg mir schon das Wasser in die Augen. Ich verstand definitiv nichts mehr!
Diese Information gab ich direkt an meine Entsendeorganisation die AGEH und an Samy weiter. Die Antwort aus Deutschland ließ nicht lange auf sich warten: Arbeitsverbot, bis die Situation geklärt ist.
Seitdem, das war am 15.Juli, sitze ich nun in Pondicherry, da es für mich zu schmerzhaft ist in der Geburtshilfestation zu sein und Dr. Annie und Schwester Mary-Agnes beim Arbeiten zuzuschauen. Außerdem möchte ich nicht in die Verlegenheit kommen medizinisch zu arbeiten, da ich es eben einfach nicht darf.
Stillstand. Von 100 auf 0 in 1 Sekunde, das tut weh.
Die Tage hier in Pondi sind lang, viel Zeit zum Denken und Grübeln. Der Klassiker ist dabei: Warum war es Samy nicht möglich, die Papiere, die Teresa und ich ihm im Dezember 2009! gegeben hatten – alle Zeugnisse, formloser Antrag -, an den Amtsarzt in Viluppuram weiterzuleiten?
Gefolgt von: Wieso hat er auf meine Nachfragen bloß geantwortet, dass es ausreicht, wenn wir die Papiere abgeben, wenn die Geburtshilfestation angemeldet wird? Die Ausstellung einer Arbeitsgenehmigung würde dann ganz automatisch gehen. Hat er sich das ausgedacht? Der Amtsarzt ist damals wie heute der gleiche.

Ich bin verzweifelt, müde und wie gelähmt.

Mittlerweile kam Samy auf die Idee einen Anwalt in Chennai einzuschalten, der sich der ganzen Sache annehmen soll. Von diesem kam am 28.7. eine E-Mail, dass durch die Zahlung von 25.000 Rupien (etwa 400 Euro) die Arbeitsgenehmigung durch den Direktor des Nursing/Midwife Councel in Chennai ausgestellt werden kann. Was heißt das, er kann, muss aber nicht? Wie ist denn nun die Gesetzlage? Anerkennungsjahr oder nicht? Was wird denn der Amtsarzt sagen, wenn wir ihm die Arbeitsgenehmigung vorlegen und er doch genau weiß, dass wir kein Anerkennungsjahr gemacht habe und keine Examina geschrieben haben? Will er dann vielleicht 50.000 Rupien, um den Mund zu halten?
Ist das alles ein schlechter Scherz oder will der Anwalt sich nur bereichern?
Oder geht hier alles nur ums Geld? Keine Moral?
Psychoterror ist ein Scheiß dagegen!
Heißt das, ich kann wieder hoffen?! Wird nun doch alles gut, oder was?

Ich weiß nicht, ob ihr Euch das vorstellen könnt, aber aus dem Loch, in das ich vor nunmehr 2 Wochen hineingeworfen wurde, komme ich einfach so schnell nicht wieder raus. Die Mail des Anwalts war für mich kein Grund zu Freude, stattdessen noch mehr Fragezeichen und Unverständnis.
Und keine Reaktionen von den Verantwortlichen aus Deutschland. Ich fühle mich hilflos.

Ich hänge also weiter in der Luft, immer zwischen „es ist alles aus“ und „vielleicht hilft der Anwalt doch“. Das lähmt mich und jeder Tag, an dem keine Neuigkeiten kommen, verstärkt den Frust, die Wut und die Traurigkeit.

Auch bezüglich der Visaverlängerung werden wir von unserem Anwalt wie gewohnt hingehalten; auch von der Seite also keine Neuigkeiten. Jede Woche rufen wir an und fragen nach und bekommen zur Antwort, dass nächste Woche alles geklärt sei. Ja ja.

Kurz vor der großen Tragödie kamen unsere beiden „Stromer“ aus Deutschland und kämpfen sich seitdem tapfer durch die unendlichen Fehler der Stromverlegung im MHC. Sie machen das mit solcher Hingabe, dass ich die Gedanken „wofür denn noch“ schnell verdränge. Wolfgang hilft ihnen so gut er kann und ist ständig unterwegs zwischen Pondicherry und Anaiyeri, um Fehlendes zu besorgen.

Außerdem haben wir seit der letzten Juliwoche Cara zu Besuch, eine Krankenpflegeschülerin aus Heidelberg, die gerne ein Praktikum bei uns machen wollte. Leider geht das nun nicht, da Arbeitsverbot. Zum Glück konnten wir sie aber im deutsch-indischen-missionsärztlichen Klinikum in Chetpet „unterbringen“, wo sie sicher ein breiteres Spektrum an Krankheiten und Patienten sehen kann. Dennoch tut es mir leid.

So ihr lieben, ich werde Euch – wie immer – über jede Veränderung auf dem Laufenden halten.

Bis bald

Eure Hanka

Der Juni 2011 5 Years, 6 Months ago

Ihr Lieben zu Hause,

damit ich nicht ganz so aus dem Tritt mit meinen Monatsberichten komme, nun auch von mir noch einmal eine grobe Zusammenfassung des Juni 2011 in Indien. Wolfgang hat ja in letzter Zeit auch fleißig die „Aktuellen Infos“ gepflegt, so hoffe ich, dass ich nun nicht alles wiederhole.

Die gute Nachricht zuerst – auch wenn die ganz eigentlich schon in den Julibericht hineingehören würde - am Freitag dem 1.7.2011 kam das 2.Kind im MHC zur Welt. Diese Geburt fand ich persönlich viel aufregender als die Erste. Mrs. Pasarala, eine Zweitgebärende, kam mit vorzeitigem Blasensprung 12 Tage über die Zeit, gegen 16 Uhr ins MHC. Wir waren eigentlich schon auf dem Weg nach Pondicherry, um uns mit unserem Anwalt zwecks Visadrama zu treffen. Das haben wir dann kurzerhand verschoben und ich konnte meine neugekauften homöopathischen Kügelchen, zum Einleiten der Wehen, ausprobieren. Alle überzeugten Schulmediziner von Euch werden jetzt sicher die Augen drehen, aber es hat geholfen und gegen 18.30 Uhr waren die Wehen regelmäßig und kräftig. Was jedoch meine innere Unruhe nicht wirklich lockerte. Jedenfalls kam das Kind mit einer Nabelschnurumschlingung und ziemlich blau, aber sich direkt über alles ärgernd, ganz normal auf die Welt. Der Kopfumfang von 36 cm! ist für eine deutsche Frau schon viel – normal sind 34 cm – aber für die kleinen und doch recht zarten indischen Frauen: Hammer! Nach der Geburt der Placenta haben wir dann auch gesehen, dass das Kind nicht nur einen großen Kopf hat, sondern auch viel Glück. Wie Wolfgang bereits erzählt, lag der Ansatz der Nabelschnur nicht - wie normal - auf dem Mutterkuchen selbst, sondern auf den Eihäuten. Wäre der Blasensprung (einreißen von Eihäuten) in diesem Bereich passiert, wäre das Kind verblutet, ohne dass irgendjemand etwas hätte machen können.

Unsere beiden indischen Kollegen Dr. Annie und Mary-Agnes, die natürlich anwesend waren, waren auch sehr überrascht, haben von dieser Erscheinung aber noch nichts gehört.

Insgesamt lief es unter den beiden Geburten zwischen allen beteiligten sehr gut. Wir haben uns gut verstanden und ich würde schon gar das Wort harmonisch verwenden. Mein Tamil ist ja leider noch immer nicht so herzeigbar, aber bringt zumindest auch das schmerzverzerrteste Gesicht zum Lächeln. Somit ist die Sprache unter den „Medizinern“ schon überwiegend Englisch, wird aber direkt an die Frau übersetzt, wovon ich natürlich viel lernen kann.

Wir haben nach der 1. Geburt nun auch die ersten Nachsorgen durchführen können. Wenn wir mit dem weißen Auto in die Dörfer fahren, löst das immer noch einen ziemlichen Trubel aus; man könnte doch meinen, dass sich die Leute irgendwann an unsere Weisnasen gewöhnt haben… Jedenfalls geht es unserer ersten Mutter mit Kind weiter sehr gut. Das Kind hat gut zugenommen und mit dem Stillen gibt es keine Probleme. Die Rückbildung der Gebärmutter ist wunderbar; bis auf den Wochenfluss, der soll wohl nur noch spärlich laufen, wobei mir nicht ganz klar ist, wie man das Beurteilen kann, wenn die Frau keine Unterhose trägt.

Das Kind hat nun sogar auch schon seine Geburtsurkunde, somit wird sein Geburtsdatum sicher nicht vergessen werden können, wie das leider seiner Mutter passiert ist. Und das ist keine Seltenheit, von den ca. 10 Schwangeren, die wir bisher zur Vorsorge im MHC hatten, wussten etwa 4 ihr Geburtsdatum nicht.

Nun zu den weniger guten Nachrichten: es gibt weiterhin keine neuen Informationen bezüglich unserer Visa und Arbeitserlaubnis. Seit dem 24.6. sind unsere Visa wieder abgelaufen und erst seit heute (3.7.) haben wir zumindest einen Stempel in unseren Registrierungspapieren, dass die Dokumente zur Verlängerung eingereicht wurden. Damit, so sagt mein mittlerweile bester Freund der Anwalt, könnten wir gut 1 Monat im Land bleiben, ohne Probleme. Gut, dass wir das letztes Jahr nicht wussten, wo wir mit diesem Papier 6 Monate im Land geblieben sind. Nun soll wohl auch innerhalb von 1!!! Woche der Police Officer von Viluppuram bereit sein, uns einen Stempel in unsere Pässe zu drücken, dass unsere Visa verlängert sind, sagt zumindest mein bester Freund. Der möchte mich mittlerweile bei Terminen gar nicht mehr dabei haben, das muss nun alles Wolfgang allein regeln. Also die Situation ist alles andere als schön…

Was die Arbeitserlaubnis angeht kann ich auch keine Neuigkeiten erzählen. Außer, dass uns das Gewarte auf ein Gesprächstermin mit dem Amtsarzt in Viluppuram - der uns eigentlich führen sollte/wollte auf dem unendlich langen Weg zur Arbeitsgenehmigung - nun doch zu doof ist und wir versuchen werden auf eigene Faust bei den Behörden in Chennai vorzusprechen. Nach dem wir die letzten 2 Wochen wenigstens 4-mal in Viluppuram waren und mehrere Stunden in dem entzückenden Vorzimmer von Mr. Krishnaraj, dem Amtsarzt, gewartet haben und ihn nicht sprechen konnten, obwohl offensichtlich anwesend und allein.

Was uns gegenüber bei den Besuchen im Gesundheitsamt vom Personal Assistent des Mr. Krishnaraj klar ausgedrückt wurde ist die Tatsache, dass durch die Zahlung von 600.000 Rupien (etwa 10.000 Euro) alle unsere Genehmigungsprobleme, sei es Arbeitsgenehmigung oder Krankenhauszulassung, mit einmal gelöst wären.
Was ist das nur für ein Land?

Somit kämpfen wir uns also tapfer weiter durch diesen Bürokratenwahnsinn, als ob wir sonst nichts zu tun hätten. Ständig gespalten zwischen dem Bedürfnis im MHC zu sein, um für die Frauen endlich da sein zu können und dem Wissen, dass wir genau das nicht dürfen ohne gültiges Papier.

Etwas Gutes gib aber zum Abschluss doch noch: nächste Woche erwarten wir zwei Elektriker aus Deutschland – von Wolfgang liebevoll „Stromer“ genannt – die sich der Stromversorgung des MHC annehmen wollen. Vielleicht können wir dann unseren Medikamentenkühlschrank auch als solchen benutzen. Momentan hat dieser wenigstens 3-mal die Woche eine Kerntemperatur von 25°C, bei gefühlten 50°C Außentemperatur kein Wunder.

In diesem Sinne, macht Euch kühle Gedanken, ich versuch´ das jetzt auch einmal…

Alles Liebe und bis bald

Eure Hanka

Ihr Lieben zu Haus,

ES IST DA!!!

Das erste Kind in der Geburtshilfestation kam gestern, den 24.6.2011, um 22.07 Uhr zu Welt. Es ist ein Junge, der sich, wie Jungen nun manchmal so sind, etwas Zeit gelassen hat, aber letzten Endes ließ sich die Spontangeburt nicht verhindern. Mutter und Kind sind also wohlauf und haben heute Nachmittag in Begleitung sämtlicher Familienangehöriger das MHC gesund und munter verlassen. Wir haben sie in ihre Hütte begleitet, damit wir sie für spätere Nachsorgenbesuche besser finden können und durften den Zeremonien zur Begrüßung des kleinen Menschen beiwohnen.
Aber nun erst mal ein kurzer Abriss der letzten Tage:
Die Schwangere, Mrs. Karalaira, kam bereits vor drei Tage zur Schwangerenvorsorge ins MHC, da der errechnete Termin bereits am 13.6. war und bisher noch immer keine Wehen eingesetzt hatten. Alle von uns durchgeführten Untersuchungen waren aber normal und unauffällig. Da wir weiterhin ohne Visa und Arbeitserlaubnis im Land sind, wollten wir sie trotzdem der Frauenärztin vorstellen, die für uns momentan noch die unterschreibende Fachärztin ist. Da diese Ärztin, Dr. Poomadu, jedoch in Viluppuram lebt und arbeitet, sind wir tags drauf mit noch einer weiteren Schwangeren zu ihr gefahren, um abzuklären, dass wir nicht noch weitere Gesetze brechen. Nach der Untersuchung von Dr. Poomadu wurden wir zu einem Ultraschallspezialisten geschickt. Nach gut 3 Stunden Wartezeit, machte der dann seinen Schall und änderte kurzer Hand den Termin auf den 27.7. Somit wieder im legalen Feld fuhren wir zurück und bestellten Mrs. Karalaira einen Tag später noch einmal zur Kontrolle zu uns ein. Soweit kam es dann aber nicht, denn in derselben Nacht setzten gegen 3 Uhr morgens die Wehen ein. Um 6 Uhr wurde Annie, unsere indische Ärztin im MHC, informiert, dass die Wehen jetzt heftiger sind und Mrs. Karalaira gern zu uns kommen würde. Leider war der Ambulanzfahrer nicht erreichbar und so habe ich sie, zusammen mit Anbarasu, aus dem Nachbarort, ca. 8km entfernt abgeholt. Dort erwartete uns eine strahlende Schwangere.
Als wir das MHC gegen 7 Uhr erreichten, kamen die Wehen alle 8 Minuten, heißt, für eine Erstgebärende wie Mrs. Karalaira, das könnte noch etwas dauern. Den Tag haben wir ganz gut rumgebracht, da ständig andere Besucher für unsere wehende Frau kamen und man sich einfach auch viel zu erzählen hatte. Außerdem konnten Annie, Mary-Agnes und ich die Zeit gut nutzen, um in die unendlichen Weiten der Geburtshilfe einzufühlen, was sehr interessant und auch schön war.
Bis ca. 18 Uhr wurden die Wehen nicht mehr, aber auch nicht weniger; am Anfangsbefund änderte sich dadurch aber leider nicht viel. Also nahmen wir ein leichtes, sehr sehr leichtes, Schmerzmittel zu Hilfe, auch mit der Vorstellung entweder - oder. Mrs. Karalaira entschied sich für „oder“ und eröffnete, auch ohne dass die Wehen wesentlich mehr geworden wären. Um es etwas abzukürzen, kurz nach 10 erblickte der bisher leider namenlose kleine Kerl das Licht der Welt; 2560 g, 51 cm und mit echten Übertragungszeichen.
Dieses Ereignis bringt gleich dreifach Glück, mal abgesehen von dem Glück was alle Beteiligten hatten: zum einen wurde das Kind an einem Freitag geboren – unglaublicher Glückstag, dann ist es ein Junge – ja, was für ein Glück und dann auch noch eine normale Geburt – unfassbares Glück!!! Um sich dafür zu bedanken, werden morgen, Sonntag, gleich 6 Messen in den umliegenden Kirchen für das MHC und für Mutter und Kind abgehalten.
Mrs. Karalaira ist auch ohnedies – da Hindu – überglücklich und die erste, der in der Umgebung von Anaiyeri eine menschenwürdige Geburt ermöglicht wurde.

Ich bin froh und dankbar, dass ich Mrs. Karalaira bei der Geburt ihres Kindes begleiten durfte!
Und ich danke allen, die dies ermöglicht haben!

Seit lieb gegrüßt, von einer glücklichen, wenn auch totmüden

Hanka

Mai bis Mitte Juni 2011 5 Years, 7 Months ago

Ihr Lieben zu Hause,

lang habe ich mich nicht gemeldet, entschuldigt bitte.
Ich habe immer versucht meine bisherigen Monatsberichte offen und ehrlich zu schreiben, ich halte nichts davon, Euch etwas vorzumachen, was nicht ist. Dies möchte ich auch weiterhin beibehalten, auch wenn es nicht einfach ist.
Wie ich ja bereits im letzten Bericht angedeutet habe, gibt es Anschuldigungen aus Deutschland, die für uns nicht einfach zu handhaben sind. Um dies zu klären sind wir Ende Mai nach Deutschland gereist, um mit den Zuständigen darüber zu sprechen. Uns wird vorgeworfen, das Projekt durch unsere „Pingeligkeit“ zu verzögern und bisher noch immer nicht mit der medizinischen Arbeit begonnen zu haben. Dem aufmerksamen Leser der letzten ca. 20 Monatsberichte wird nicht entgangen sein, dass wir alles Erdenkliche tun, um das Projekt zum Laufen zu bringen und das heißt für mich auch das Haus in einen Zustand zu versetzen, dass man damit und vor allem darin arbeiten kann. Ich will mich jetzt auch nicht in elend langen Erklärungen verlieren. Wer Fragen oder Anmerkungen dazu hat, kann sich gern mit mir in Verbindung setzen (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Ich freue mich über jede Anfrage.
Jedenfalls konnten die Anschuldigungen nicht aus der Welt geräumt werden, was für mich eine echte Motivationsbremse ist und dadurch die Sinnfrage ganz groß rauskommt. Nichts desto trotz bin ich wahnsinnig stolz und glücklich über den Zustand der Geburtshilfestation und ich freue mich auf den Tag an dem wir endgültig eröffnen können. Dieser Tag könnte auch sehr bald kommen, wenn da nicht, ja, wenn da nicht unsere berühmten drei Probleme wären…
Eigentlich bin es auch wie a bissel leid, Euch ständig mit all den Problemen hier zu zu texten, aber siehe oben, offen und ehrlich soll es doch sein, sonst kommt Ihr auch noch auf die Idee zu denken, wir säßen hier nur in der Sonne und warten darauf, dass die fertige Geburtshilfestation vom Himmel fällt.

Also Problem 1: Aufenthaltsgenehmigung (Visa) und Arbeitserlaubnis
Ja, ja, wie schnell doch so ein Jahr vergeht, wenn man sich amüsiert…
Auch wenn unsere Visa erst im Januar verlängert wurden, laufen sie doch schon wieder am 23.6.2011 ab, da sie eben rückwirkend und nur für ein Jahr verlängert wurden. Im April haben wir wieder alle Papiere durch unseren Anwalt eingereicht. Nun hat Ende Mai die Regierung in Tamil Nadu gewechselt und einige neue Formulare müssen noch nachgereicht werden. Unser Anwalt ist weitestgehend tiefenentspannt. Dennoch laufen die Visa eben sehr bald aus und bisher haben wir noch nichts Neues gehört.
Zum Punkt der Arbeitserlaubnis kann ich eigentlich nicht viel sagen, da mir sämtliche Erklärungen abhanden gekommen sind. Wir sprechen ja nun schon seit gut 1 ½ Jahren über dieses Papier. Selbst zu Zeiten als Teresa noch da war, wurde mit Samy eifrig darüber diskutiert, da wir ohne, ganz klar, nicht arbeiten dürfen. Teresa und ich hatten sogar bereits alle Zeugnisse eingereicht. Und, ich trau es mich bald gar nicht zu sagen, von Samy wurde immer gesagt: No problem, wenn das Haus fertig ist bekommen wir ganz automatisch die Arbeitserlaubnis ausgestellt. Nun war, leider während unseres Deutschlandaufenthaltes, der Amtsarzt in der Geburtshilfestation, um diese „abzunehmen“. Dazu später mehr, nur erst mal so viel, er beanstandete, das wir nicht da sind und auch keine Arbeitsgenehmigung haben, ohne die wir nicht arbeiten dürfen – sag bloß –, diese müsse in Delhi beantragt werden. Außerdem müssen Wolfgang und ich wohl ein Examen schreiben und einen Sprachtest in Tamil ablegen.
Ok.
Wie gesagt, dazu fällt mir auch nichts mehr ein, selbst nix Ironisches.

Problem 2: die Stromversorgung
Wie im Aprilbericht geschrieben, hatten wir Jakob zu Besuch, ein Elektriker aus der Schweiz, der bei einem Zwischenstopp aus Bangladesch, unserer Stromprobleme begutachten wollte. Dies hat er auch mit Hingabe und unglaublicher Geduld getan. Sein nachfolgender Bericht ist kurz gefasst ein Arbeitsverbot für die Geburtshilfestation, da die Stromverlegung und –versorgung so miserabel ist, das ein medizinisches Arbeiten im Haus höchst verantwortungslos und fahrlässig wäre. Solche Zustände hätte er noch nicht einmal in Bangladesch gesehen und da sei eigentlich alles immer noch eine Spur heftiger. In einer gut 9 seitigen Ausführung hat er viele Vorschläge für Verbesserungen angefügt.
Nach dem wir diesen Schock verdaut hatten, haben wir unseren Aufenthalt in Deutschland auch dazu benutzt mit allen Beteiligten nach Lösungen zu suchen. Die Frage, wie es bei einem Neubau überhauptdazu kommen konnte hilft ja nun auch wirklich niemandem mehr.
Im letzten Meeting vor der Heimreise wurde uns von indischer Seite gesagt, dass ausgebildete Elektriker in Indien nicht verfügbar wären, sondern eben nur Elektriker die ihr Handwerk durch Erfahrung gelernt haben. Dagegen spricht ja generell nichts, nur scheint hier wirklich einiges schief gelaufen zu sein, was nun eben die Anwesenheit von ausgebildeten Fachmännern unumgänglich macht, die aber wiederum nur in Chennai sind und wahrscheinlich nächstes Jahr Zeit hätten, sich unserer Probleme zu widmen.
Somit gibt es für uns eigentlich nur eine Lösung: in Deutschland einen Elektriker finden, der uns helfen würden. An dieser Stelle nun endlich auch mal ein GROßES DANKESCHÖN an Heidrun und Helmut Wießner, die zu Hause der Dreh- und Angelpunkt des Vereins PIRAPPU sind. Ihr beiden seid einfach Spitze! Durch ihre Hilfe und die Hilfe von Renate Fichter – zu ihr später mehr – konnten zwei „Stromer“ gefunden werden, die sich bereiterklärt haben, nach Indien zu reisen. Sie stehen bereits in regem Kontakt zu Jakob und bereiten ihren Aufenthalt und die Arbeit hier vor. Der Einsatz der Beiden berührt mich sehr und schiebt wieder etwas Motivation nach…

Problem 3: Zulassung der Geburtshilfestation
Wie bereits erwähnt, war während unseres Heimataufenthaltes, der Amtsarzt in der Geburtshilfestation, um das Haus abzunehmen. Warum das gerade in der Zeit passierte, als wir nicht da waren, weiß ich nicht. Jedenfalls, um es kurz zu machen, hat das Haus die Zulassung nicht bekommen. Es wurde danach vom Amtsarzt ein Bericht erstellt, der auch ziemlich klar stellte, dass wir diese Zulassung eigentlich auch nicht bekommen können, da neben 2 gynäkologischen Fachärzten auch 2 Kinderärzte und Anästhesisten anwesend sein müssen. Außerdem brauchen wir einen Apotheker, der die Apotheke (ehemals Lagerraum) betreut, einen Laboranten der die bereits vorhanden Laborgeräte bedient und einen Techniker, der die medizinischen Geräte wartet. Leider haben wir nicht im Lotto gewonnen und können uns auch noch keine Leute klonen.
Nach unserer Rückkehr haben wir die volle Geschichte gehört, die nach einem gewissen Entsetzen eigentlich nur noch in einem fassungslosen Lächeln endete. Sicher kein schöner Anblick.
Jedenfalls sei unserer Ärztin Annie vom Amtsarzt empfohlen worden, Mann und Kind zu nehmen und sich ihrer Karriere zu widmen, sie wolle doch wohl nicht hier auf dem Dorf versauern. Außerdem habe er auch gefragt, wann wir denn vor hätten „dieses Drama“ zu spielen.
Drama?
Ist aktuell noch nicht genug Drama in Indien?
Nein, da dem Amtsarzt sehr wohl klar sei, dass dies alles nicht zu regeln und auch absolut nicht machbar ist, wird wohl, wie angeblich von nahezu allen Krankenhäusern hier in Tamil Nadu, eine Art 1 Tag-Theater-Show aufgeführt. An diesem Tag ist der Amtsarzt anwesend, neben dem kompletten, oben erwähnten, Personal. Die werden für einen Tag gut bezahlt, bekommen ein feines Mittagessen und erzählen dem Kontrolleur, dass sie hier arbeiten, alles wunderbar ist und überhaupt. Zusätzlich wird alles an Patienten einbestellt, was noch laufen kann und die Patientenakten eingesehen. Ziel: Es soll an einem Tag gezeigt werden, dass dieses Haus arbeitsfähig ist und bisher auch alles super gelaufen und keine Probleme aufgetreten seien. Denn, und das ist das Kuriose an der ganzen Sache, arbeiten sollte das Haus bereits vor seiner Abnahme. Wie soll denn sonst der Amtsarzt beurteilen können, ob es funktionsfähig ist?!? Wenn jedoch irgendetwas in dieser Schwebephase bis zur Zulassung passieren sollte, machen wir uns natürlich strafbar!
???
So sieht die Situation zumindest derzeit hier aus, wenn andere Informationen dazu kommen sollten, werde ich Euch auf dem Laufenden halten.
Aber insgesamt ist das alles mehr als gruselig und wir stehen beide ziemlich ratlos da.

Nun zum Abschluss aber noch was Schönes. Wir hatten vor unserer Heimreise Besuch von Renate Fichter, offiziell die Kassenprüferin von PIRAPPU und unter uns gesagt, eine tolle Frau. Da sie von Deutschland aus die ganzen Verzögerungen und Probleme nicht so richtig nachvollziehen konnte, hat sie sich kurzerhand auf den Weg gemacht, sich selbst vor Ort ein Bild von allem zu machen. Nach einer großen Lobeshymne für das Haus wurde ihr allerdings doch recht schnell klar, dass die Uhren in Indien einfach anders ticken und viele Probleme, die hier so auftreten, in Deutschland einfach nicht bekannt sind.
Sie hat hautnah unsere doch sehr großen Stimmungsschwankungen miterlebt – von morgens: alles ist super/ wir schaffen das, bis abends: nichts geht mehr. Sie hat versucht uns immer wieder aufzubauen und vor allem, sie glaubt an uns und das Projekt, versteht und kann zuhören. Dafür möchte ich nochmal DANKE sagen.

Manchmal, in all dem Durcheinander von Vorwürfen, Angriffen, Arbeit und Zeitdruck ist es eine Wohltat, wenn jemand sich die Mühe macht und versucht zu verstehen, nachfragt und zuhört.
Gut zu wissen, dass es solche Menschen doch noch gibt.

Alles Liebe und Gute für Euch.
Bis bald

Eure Hanka